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Es werden Posts vom Mai, 2015 angezeigt.

1941 zweiter Bildungsweg

damals saßen wir im Auswandererhaus
und unterhielten uns 
und waren uns nahe
er erzählte, dass er kein guter Schüler war
er konnte nicht still sitzen
erst später machte er sein Abitur
und konnte sein Lehrerstudium machen
heute merkt man davon nichts mehr
wenn er gebildet und geschliffen formuliert
ich habe ihn bewundert
er gefiel mir
dieser pensionierte Lehrer
obwohl ich Lehrer nicht ausstehen kann
weltfremde Spinner und Oberlehrer
aber...
wo kein Interesse ist
ist auch kein Weg..

1939 Gerhard Roth, Orkus, Fischer Verlag 2011

es ist schon merkwürdig
dass ich einerseits Roth kritisiere
und andererseits nun zum sechsten Buch
greife
jenes Buch wofür er den
Jeanette-Schocken-Preis erhalten hat
in der NZ schrieb ich einen Leserbrief: 


"Gerhard Roth  hat den Jeanette-Schocken-Preis bekommen. Für sein antifaschistisches Engagement gilt ihm mein Respekt. Seine Bücher zeugen von seinem gewaltigen Wissen und dass er ein gebildeter Mann ist. Sein Interesse an psychisch kranken Menschen und ihre Darstellung in seinen Büchern ist beispielhaft. Ich mag sein Art paranoide Prozesse zu beschreiben. Man kann von ihm lernen, aber das Lesen seiner Bücher ist anstrengend um nicht zu sagen eine Zumutung. "
schauen wir mal, ob sich meine Meinung ändert

1938 Aktenvermerk

ich schreibe schon lange keine
Aktenvermerke mehr
man hatte mir damals Hoffnung gemacht
meine Geschichte der Bremerhavener Werften
könnte in der Zeitung veröffentlicht werden
oder wollte ich ihn so verstehen?
monatelanges Warten
auf etwas was nicht kommt
Erinnerungsmail
nichts da
sie hatte eine junge Frau eingestellt
die das Projekt betreuen sollte
eines Tages rief sie mich an
und ich sagte ihr,
dass ich schon lange gewartet hatte
worauf sie scharf zurück fragte:
haben sie damit ein Problem?
ich hätte sagen soll: ja
hatte aber Angst mir nun alles zu verbauen
also deutete ich meine Enttäuschung an
sie hatte es geschafft mich einzuschüchtern
halt die Klappe und pariere!
es kam zum Termin im Pressehaus
ich stieg aus dem Fahrstuhl und sah
eine kleine junge Frau, die mir sofort
per Handschlag sympathisch war
und der ich vertraute
sie sah altmodisch angezogen aus
merkwürdige grüne lange Strümpfe
und auch sonst altbacksch, ergrauend
sie machte einen klugen Eindruck
ich erklärte mich einverstanden,
dass sie meine Aufsätze v…

1937

sie stand neben ihm
damals im sonnigen Garten
mit ihrem schiefen Gesicht
sie war klein und stämmig
mit kräftigen Beinen
er sah ihre Hände mit blauen Adern
und da war irgendwas an ihr
etwas Animalisches, etwas Weibliches
dass ihm die Aufforderung gab...
sie wollte nichts von ihm
sie wollte sich nicht unterhalten
er fand sie nicht schön
aber er hatte ein unbändiges Verlangen
sie auf der Stelle zu ...

1936

gleich neben dem Friedhof
ist die Quelle für das Mineralwasser
das wir so mögen
und gerne trinken
heute Mittag stellte ich mir vor
wie die Säfte der Toten
ins Erdreich sickern und im Grundwasser
sich vermischen mit...

1935 der Bauer und sein Sohn

es war einmal ein Dorf
in dem es auch noch Bauern gab
Bauer Schulze galt als komisch
tagsüber schlief er und abends und nachts
fuhr er mit seinem Trecker mit Licht
die Ernte einfahren
angeblich hat er seine Eltern 
irgendwann verbrannt
um seine Felder kümmerte er sich kaum
die Küche mussten auf den schwarzen Flächen
grasen
im Winter standen die Kühe im Stall
es wurde nicht ausgemistet
aber im Frühjahr dann 
mussten die Küche abgeseilt werden
damit sie wieder auf die Weide konnten
der Sohn holte sich eine Russin ins Haus
die das Arbeiten gewohnt war
ihr machte er zwei Kinder
aber die Russin hatte irgendwann
die Schnauze voll
dann ehelichte er eine Rumänin
im Dorf erzählte man sich
dass sie abends mit Latzhose ins Bett
ging um morgens früh für die Arbeit
bereit war
das Haus sah aus wie ein Hexenhaus
ohne Heizung
wenn aus dem Fuhrpark ein Gerät kaputt war
wurde es stehen gelassen
und ein neues mit Bargeld bezahlt
die Schulzes galten als reich
Dorfbewohner wundern sich,
dass noch nie der Tierschutz eingeschritten ist



1934 Baustellen

die wunderschöne Anna
war den Gang in der Baracke
hinunter gegangen
mit wiegendem Schritt
jeden Augenblick spürte sie
wie die Männer sie begehrten
wie sie ihre langen Beine
und ihre schönen Oberschenkel
verschlangen
Anna aber hatte andere Probleme
Tom war da gewesen und hatte sie gesucht
sie hatte mehr Baustellen als ihr lieb
am Vortag hatte ihr Auto Probleme gemacht
der alte Mercedes musste schon wieder
in die Werkstatt und sie hatte kein Geld
in einem Rechtsstreit hatte sich die Gegenseite
nun beim Gericht gemeldet
sie musste mit ihrem Anwalt sprechen
es ging um Geld
ja, dachte sie, es geht immer um Geld
sie ging langsam zu Tisch 3
und sie sah wie der Mann sie auszog
sie hatte heute ihre schwarzen Strümpfe an
damit sah sie umwerfend sexy aus
sie wusste, dass sie unwiderstehlich war
und sie wusste, dass den Männern
das Blut in den Unterleib schoss
wenn sie verführerisch und sexy daher kam
Anna hatte Sehnsucht nach Tom
was sollte sie tun?
sie versuchte ruhig zu atmen...



1933 times of trouble

times of trouble
reflexions of my life
so sangen die Beatles damals
ja in Zeiten in denen man Ärger hat
denkt man mehr nach
grübelt, findet keine Lösung
kann nicht loslassen
findet den Ausgang nicht
wie in einem Labyrinth
es tut weh
das etwas falsch gelaufen ist
weil man was falsch gemacht hat
man muss leiden für seine Fehler
und sucht nach Lösungen
die einfachste Lösung wäre loslassen
wie sagt der Dalai Lama
lerne loszulassen das ist der Schlüssel zum Glück
wenn das so einfach wäre
ruhig weiter atmen

1933 stadtbekannt

stadtbekannt und doch
kennt ihn keiner
er kennt sie fast alle
aber interessieren tun sie ihn nicht
ich kannte ihn von der Werft
damals vor langer Zeit
in meinem vorigen Leben
später hatten wir Gemeinsamkeiten
und Telefonate
er erzählte von seinem Hobby
von den vielen Leuten, die er
kennt
vor einige Zeit hatte er einen Schlaganfall
er hat bis zuletzt zuviel geredet
um Anerkennung gebettelt
das war immer sein Problem
das er mehr Anerkennung brauchte
als es gab
ja, er ist stadtbekannt
war in der Zeitung
er wurde als Experte interviewt
aber...
manchmal, wenn ich ihn selten traf
sah er verwahrlost oder ungepflegt aus
aber sein Wissen, seine Kontakte
waren beeindruckend
sein Riesen-Ego stand ihm immer im Weg


1932 Schiffbau

es hat damals in den 90 er Jahren
Leute gegeben, die ich bewundert habe
Menschen, die Bücher über Werften
geschrieben haben
die Sachkenntnis hatten, einen Namen
das ist lange her
sehr lange
die Zeit der Werften ist für mich vorbei
will sagen, ich beschäftige mich damit nicht mehr
das versteht der eine oder andere nicht
damals als ich die Literatur über die
Tecklenborgwerft las und studierte
stieß ich auch auf einen solchen Namen
voller Bewunderung
da hatte einer schon was geschrieben
ich aber wollte eine eigene Geschichte schreiben
und das tat ich auch
gestern war ich auf einem Treffen
auf dem auch ein älterer Herr war
der erzählte, dass er über Schiffbau geschrieben hat
und wie sein Spezialgebiet lautet
ich habe mir nichts dabei gedacht
er bat mich um meine Telefon-Nummer
damit wir uns austauschen treffen können
er kannte wohl meine Artikel im Internet
zitierte meinen Doktorvater..
ich nannte ihn so den Dr. vom DSM
heute klingelt das Telefon und der Mann
ist dran und als ich seinen Namen höre
erinnere  ich mich …

1931 Trouble

irgendwo aus dem Urwald
schrien die Bonobos
sie hämmerten auf ihre Trommeln
sie schrien und keiften
die Affen rasen durch den Wald
der eine macht den anderen kalt
der Älteste schrie:
wir müssen alle sterben!
ein anderer rief Öl im Kühlwasser!
ach was, sagte Bongo der Chef
jemand hat dran gedreht
dann verteilte er die letzten Bananen
müssen wir alles sterben?
fragte ein hübsches Weibchen
Tschita schrie um sein Leben:
vielleicht ist die Zylinderkopfdichtung im Arsch
Bongo gab dem Chauffeur Anweisung
vorsichtig weiter zu fahren
da vorne kommt eine Werkstatt
flötete die unartige Äffin Bitschi
und kuschelte sich an den Chef
ja, sie hatten Stress die ganze Affenbande
Zeit für Sex


1928 jeder Mann

jeder Mann ist nur so stark
wie die Frau, die ihm zuhört
und an ihn glaubt
jeder Schriftsteller ist nur so stark
jeder Fotograf ist nur so stark
jedes Kind ist nur so stark
wie die Eltern, die es ermutigen
jede alte Frau ist nur so stark
wie die Söhne die hinter ihr stehen
jede Frau ist nur so schön 
wie die Männer, die sie begehren

1927 Die Stadtchronisten

es handelt sich noch um eine Gruppe
von älteren Menschen
die sich für Stadtgeschichte interessieren
Zeitzeugen
Menschen, die an einem Buch arbeiten
an einem Stadtteil
an einer Dokumentation
an einer Ausstellung
sie alle zu einen hat sich die Leiterin
vorgenommen
daraus ein Team zu machen
in den nächsten Monaten und Jahren
das wäre gut
wenn die Geduld siegen würde
einer vom Lehrerfortbildungsinstitut
ein Schiffbauexperte
einer, der hundert Jahre ein Geschäft hatte
einer, der Artikel über die Werften schrieb
Hausfrauen, Rentner
einige recht eigensinnig
andere können nicht über den Tellerrand
mehr schauen
Stadtchronist werden
und zwei, drei anderen älteren Männern
losziehen und den Stadtteil Lehe fotografieren
dokumentieren, festhalten
beobachten, Abbruchhäuser, Schrottimmobilien
ich sprach vom Slumviertel Lehe
und eine Frau vor mir war beleidigt
aber Lehe hat noch viele alte Substanz

1926 Alexander

er stammte aus der Schweiz
und wohnte mit einer Frau zusammen
die ihn schlug
wie er irgendwann erzählte
sie warf eine große Blumenvase nach ihm
und war sie nicht schwanger von ihm?
mir massierte er die Füße
zeigte mir was zu spüren ist
er war mein Freund damals
dann ging er 
wohl zurück in die Schweiz

1925 Tom und John

der Weg durch die Dünen war breit
man hätte hier gut mit einem Auto
fahren können
und das machte die Gemeinde auch
Tom Steenbruck aber ging durch den Sand
hin zum Strand
hier war Ruhe
hier hatte er seine Ruhe
er spürte den Wind, fühlte den Sand
dann dreht er sich um
und suchte das Cafe von damals
ja, dort drüben stand es
"Cafe Franz Kafka"
langsam näherte er sich dem Ort
von dem er wusste,
dass sie hier arbeitete
seine Göttin und seine Hure
er tat ihr Unrecht
er hatte sie so sehr geliebt
und so sehr vermisst
als er die Holzbaracke betrat
war es leer, niemand
Tom setzte sich weiter rechts
an einen Tisch
von hier hatte er den Eingang im Blick
und die See und die Wolken
er stellte sich vor, wie es wäre
wenn seine schöne Anna nun käme
und ihre Hände auf seinen Nacken legte
Tom legte sein Smartphone auf den Tisch
da kam ein älterer Kellner und fragte:
was darf ich bringen?
einen Kaffee und ein Wasser, bitte
nach Anna mochte er nicht fragen
sie war ja auch offensichtlich nicht da
das sah doch jeder
scheu blickte er …

1924 M.

nach seinem Geburtstag war sie geblieben
über Nacht und sie hatten schönen Sex
so verliebte er sich in sie
obwohl sie dünner war
später entdeckte er,
dass ihre eine Brustwarze kleiner war
und manchmal roch sie nach Fisch
er aber fand es wundervoll
sie wieder zu treffen
am hellichten Tag Sex zu haben
und sich zu lieben
sie war sein Notnagel
und sie war ein Schmetterling
der weiter wollte
auf der Suche
eine kurze Zeit des Glücks für ihn
in einer Zeit in der es ihm 
schon schlecht ging
und er  mitten in seiner Lebenskrise
steckte

1923 korrupter Fußball

für mich war Fußball immer schon
ein Idioten-Sport
nun aber zeigt sich,
dass diese Sportart
und ihre Sportfunktionäre
nicht mal in der Lage sind
sich von Korumption zu distanzieren
es blattert weiter
der Fußball hat die Pocken
es wird Zeit für eine Impfung

1922 Arbeitskreis

es waren ca 20 ältere Menschen gekommen
um einen Blick in die Vergangenheit
zu werfen, sich zu erinnern
zu berichten von damals
als sie noch jung waren
als Lehe Ausland war für Geestemünder
einer berichtet von seiner Sammlung
von Fotos über die Alte Bürger
ein anderer Schiffbauexperte sammelt
über die militärhistorische Seite
des Bremerhavener Arbeiter-und Soldatenrates
ein Mann neben mir hatte ein Geschäft für Unterwäsche
eine alte Firma 
eine ältere Frau erzählt wieviele kleine Läden
es in ihrer Kindheit in der Kistnerstraße gab 
alles weg
die Leiterin schlägt vor ehrenamtliche Stadtchronisten
zu werden, die Stadtteile, Häuserzeilen dokumentieren
ein anderer leitet die Schulhistorische Sammlung
für eine mobile Fotogruppe melden sich drei Leute
mal schauen wie sich die Sache entwickelt
nächstes Mal kommt der ehemalige Leiter
des Stadtarchivs und berichtet
über das wie einer Recherche über chinesische Lokale
oder Wäsche in Bremerhaven

1921

sie war etwas Besonderes
weil sie diesen kindlichen Charme hatte
sie war etwas Besonderes
für ihn
weil er sie liebte
später schickte sie ihn in die Hölle
oder so
oder um mit Billy Joel zu sprechen
she`s allways a woman

1920

er wurde vom Hof gerufen
da drehte er sich um
und rief laut zu den beiden Frauen
ach, meine schönen Frauen!
ging hin und umarmte erst die eine
voller Herz und Seele
und dann die andere
was für ein schöner Augenblick

1916 Hausbesuch bei einer syrischen Familie

heute ist mein vierter Hausbesuch
bei einer syrischen Flüchtlingsfamilie
ich möchte nicht nur fotografieren
ich brauche auch einen Text
unter die Fotos
der etwas zur Biografie aussagt
wo diese Menschen herkommen
was haben sie dort gemacht 
z.B. beruflich
und warum mussten sie Land verlassen
als wir dort ankamen
stellte sich mit Hilfe
einer libanesischen Frau heraus,
dass es ein Missverständnis gegeben hatte
das Ehepaar wollte sich nicht fotografieren lassen
das muss man respektieren
man hat sich dann noch unterhalten
aber letztlich ging wir wieder
Mitte Juni geht es weiter
Flüchtlinge zu fotografieren

1915 Besuch bei einer Flüchtingsfamilie

dass war nun der dritte Besuch
bei einer Flüchtlingsfamilie
und?
schwer zu sagen
ich spreche ihre Sprache nicht
und auch mit Dolmetscherin
bleibt mir ihre Welt verschlossen
ich kann beobachten
ja, ich beobachte Mimik und Gestik
auf der Suche nach dem Typischen dieses Menschen
der als Christ aus dem Iran geflohen ist
nun einen Deutschsprachkurs macht
seit einem Jahr
und sie erzählt, 
dass sie vorher in Dubai wohnten
ein Kind ist noch dort
sie haben eine eigene Wohnung
eingerichtet von der Stadt
der fünfjährige Junge schaut ein Video
auf seinem Tablet zwei Backenhörnchen
ein Film von Walt Disney..
ansonsten bleibt er schüchtern
oder ängstlich
wir machen ein paar Fotos zusammen
Glück hat nur der Geduldige
na, denn!!

1914 ich aber will achtsam sein

ich aber will achtsam sein
Termine in den nächsten Wochen
jeden Tag
heute Morgen 9 Uhr Physiotherapie
Besuch bei einer Flüchtlingsfamilie
ich aber will achtsam sein
und mich bewegen
also gleich raus
an die frische Luft
meine 10.000 Schritte machen
ich aber will achtsam gehen
aufregende Fotosession
ich aber will achtsam sein  i

1913 eine ehemalige Terroristin

es wird morgen Abend einen Film geben
im 1.  Programm der ARD
von der Schwester von Susanne Albrecht
der ehemaligen RAF-Terroristin
die sich schon lange von der RAF 
losgesagt und distanziert hat
die Familie Albrecht besser Schwester
und Mutter Jahrgang 1926 arbeiten
nun auf, was damals mit ihnen passierte
eine unglaubliche interessante und
gute Sache
denn verstanden habe ich das nie
damals haben wir gesagt:
das sind die wild gewordenen Kleinbürger
Albrechts Vater war ein renommierte Anwalt
in Hamburg
der enge Kontakte zum Bankier Ponto pflegte
und nach dem Susanne Albrecht
Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar
in die Wohnung gelassen hatte
wurde er von den beiden erschossen
laut Henning Scherf soll Susanne Albrecht
einen Nervenzusammenbruch erlitten habe
sie lebte lange Zeit unter anderem Namen
in der DDR
Kontakt zu ihrer Familie hat sie wohl
auf Feiern...
aufgearbeitet scheint das Ganze noch nicht
oder?
mich interessiert eigentlich
wie Susanne Albrecht heute lebt, denkt
was sie macht
warum schafft sie es nicht mit…

1912

sie war nichts Besonderes
nicht besonders klug
nicht besonders interessiert
hatte keine Freundin
ihr Interesse an anderen
hielt sich auffällig zurück
sie hatte auch keine Hobbies
vielleicht früher mal das nähen
jetzt saß sie mit anderen Frauen
zusammen und klönte
oder spielte Mensch-ärgere-dich- nicht
aber sie bekam Besuch
und sie war beliebt und respektiert
wahrscheinlich weil sie die Menschen
so ließ wie sie sind

1911

nimm doch nicht alles so ernst
hatte die Schöne zu ihm gesagt
und sein Chef hatte ins Zeugnis
geschrieben
Louis Marseille nimmt seine 
Arbeit sehr ernst
das war wie eine schwere Beleidigung
gewesen
das hatte Louis schwer getroffen
noch Jahre später musste er
an diesen Tadel denken
ich habe meine Arbeit zu ernst genommen
vielleicht hatte der Mann ja Recht
er hatte seine Arbeit zu ernst genommen
zuwenig Abstand gehalten
zuwenig Distanz
später, spät hatte er den Humor
als Überlebensstragie entdeckt
der Humor, der trotzdem lacht
der Humor, der immer noch
einen Grund zum Schmunzeln findet
und sich sagt:
nimm ihn nicht so ernst

1910 Moral

wir regen uns auf
verabscheuen, verurteilen
das barbarische Verhalten der ISIS
in Syrien und dem Irak
und was haben unsere Väter
und Großväter in Polen, Russland,
Frankreich, Italien, Rumänien,
Griechenland als Wehrmacht,
Waffen-SS oder SS angerichtet?
die barbarischen Gräuel des deutschen 
Hitlerfaschismus in Europa sind beispiellos
und dann noch der millionenfache Mord
an Juden, Fremdarbeitern, Kriegsgefangenen
politisch und religiös Andersdenkenden
der Mord an Schwulen, Cinti...
wir haben alles Recht uns aufzuregen
Gerechtigkeit zu fordern
aber wir sollten niemals vergessen
das wir Deutsche eine besondere Geschichte
und Verantwortung haben..

1909 Toms Brief an den Vater

Tom Steenbruck saß am Fenster
zusammen mit Anna am Tisch
sie hatte frei
und er hatte sein Notizbuch vor sich
dann sagte er zu ihr:
ich muss meinem Vater schreiben
und sie: aber Tom, der ist doch 
schon lange tot
Toms Augen richteten sich nach oben
als er schrieb:
lieber Vater,
du hast mich nicht verstanden,
du hast dich auch nicht bemüht
du hast immer nur dich gesehen
hast gekämpft um die Familie zu ernähren
hast schlecht über andere gedacht
oder geredet
du wolltest nicht schwach sein
mit deiner Kriegsverletzung
brauchtest manchmal Hilfe
im Keller
du wolltest oder musstest immer stark sein
hast Tabus um dich aufgebaut
nie nicht sprachst du über deine Eltern
nie nicht sprachst du über deine Zeit
bei der Wehrmacht, der Waffen-SS
du hattest nie Angst
jaja
Anna sah Tom fragend  an

1908 Kanickeljagd

wenn der "Spiegel" nicht lügt
konnten vor einigen Jahren
dreizehn Polizisten mit 137 Schüssen
ein unbewaffnetes farbiges Paar
im Auto erschießen
der Angeklagte stand auf der Motorhaube
und gab durch die Windschutzscheibe
15 Schüsse ab
als das Auto bereits stand
der Richter fand nicht genügend Beweise
also schießt weiter Polizisten
wenn sie schwarz sind
stellt euch vor
ihr seid auf der Kanickeljagd
das freieste Land der Erde
das den ganzen Erdkreis überwacht
und kontrolliert
und seine eigenen farbigen Bürger behandelt
wie Aussätzige, wie eine minderwertige Rasse
abscheulich
solch ein Urteil ist eine Aufforderung weiterzumachen
ein Freischein...

1907 umschalten auf Achtsamkeit

nichts planen heute kein Bewegungstraining auf dem Cross keine Spaziergänge planen wieder umschalten auf Achtsamkeit wie geht Achtsamkeit? bewusst den Augenblick genießen den Augenblick mit dem Atem verbinden dankbar den Augenblick atmen jede Bewegung spüren und genießen pflanze ein Lächeln auf, sagt Thich sich bewegen wie eine Katze nichts planen die Augen schließen, atmen und meditieren ganz normal leben aber eben alles langsamer sich mehr Zeit nehmen für jeden Augenblick achtsam schreiben achtsam lieben achtsam essen achtsam gehen achtsam atmen immer wieder zurück zum Atem den eigenen Körper wahrnehmen ihn spüren durch scannen wo spüre ich was? so schmerzt es, wo sind Spannungen?

1706 Der Überflieger

eigentlich kann er schon alles
und weiß auch alles
außer dem was ich  besser weiß
zwei  Klugscheißer 
na, macht nichts
lange Zeit war er ein Überflieger
der mit anderen nach Öl suchte
später braute er Bier
bastelte im Schuppen
ging in Rente
spielt seit vielen Jahren in einer Rockband
wie Tony Banks Keybord
genau aber nicht bei Genesis
spielt in einer Big Band mit
spielt Keybord in einem Seniorenchor
fleißig der Überflieger
ganz nebenbei spielt er in der Kirche
Orgel in Vertretung ganz bescheiden
aber der Überflieger ist ehrgeizig
welch Wunder
nun nimmt er Unterricht
damit er zufrieden ist
die Gemeinde erbaut ist
und der Herrgott seine Freude an ihm hat
ach, der Herrgott hat seine Freude an ihm
bei so viel Humor

1704 Besuch bei Magda R.

vor einigen Tagen war sie 95 Jahre alt
geworden, so stand es in der Zeitung
und es war klar,
dass sie hier irgendwo
im Pflegeheim sein musste
aber es gibt so viele Heime
an diesem Pfingstsonntag
versuchte ich es einfach
beim nächsten Heim
und ich hatte Glück
ja, die wohnt hier
sie ist blind und taub..
ja, sagte die Pflegerin
aber auf dem linken Ohr
hört sie noch etwas
es ist fast zwanzig Jahre her
da war sie unsere Nachbarin
eigensinnig, las viel und gebildet
sie machte das Fenster im Treppenhaus
auf und ich zu
und nun sitzt sie im Rollstuhl
etwas dünner und magerer im Gesicht
älter geworden
aber ja, sie erinnert sich an mich
und ich bin gerührt und freue mich

1703 Bremerhavens Schokoladenseite

da kann wohl günstig mal eben schnell Fisch essen...


das Schiff habe ich hier auch noch nie gesehen


der restaurierte Grube-Kran


Hafenrundfahrt Kaiserhafen


1701 Tom`s Liebe

zwischen den Dünen stiefelte
Tom Steenbruck auf dem Sand
der Nordsee
schwergängig
der Wind hatte zugelegt
und die Wolken waren noch grauer
als sonst
langsam kam er der Baracke näher
er las:
"Cafe Franz Kafka"
hier bin ich richtig,
dachte  er und ging hinein
freundlich grüßte er die Schönste
aller Schönen, Anna
die Kellnerin, die
alle Männer in Wallung brachte
Tom aber setzte sich an Tisch
in der Ecke
und öffnete seinen Rucksack
er legte zwei Bücher auf den Tisch
Gerhard Roth, Orkus
und Antonio Pessoa, Das Buch der Unruhe
dieses Mal legte Anna andere Musik auf
sie wusste, dass Tom Eleni Kouraindrou
liebte
also legte sie "eternity an a day" auf
dann kam Anna, die Frau mit der
atemberaubenden Figur näher
sie bewegte sich langsam
schaute ihm in die Augen
schaute auf seine Bücher
Tom roch ihr Eau de Toilette
es musste ein Männer-Parfüm sein
aber der Duft war genauso unwiderstehlich
wie die zauberhafte, wunderschöne Anna
Tom sah sie an
er hörte die Musik von Eleni
und er sah Anna
und er wünschte sich einen T…

1699

die USA überwachen weltweit
alles was nicht niet -und nagelfest ist
per Satellit und per Kabel
vor jeder Küste liegt ein U-Boot
Putin macht eine aggressive Politik
auf Erweiterung des riesigen Landes
China will noch größer werden
aber keiner stoppt den IS
die beschäftigen sich in ihrer Borniertheit
mit Dingen, die nicht wichtig sind
der IS hat schon halb Syrien erobert
und keiner der Großmächte tut was
ja, was denken die sich denn?

1698 Tag der Achtsamkeit

die Gewohnheiten sind eine
starke Macht
immer so weiter machen
wie bisher
man hat seine Denkgewohnheiten
wenn man morgens aufsteht
dass man sich fragt
was liegt an
was mache ich heute
was gibt es zu erledigen
ach ja
10 Uhr Autowerkstatt
11.30 Uhr Heimbesuch
nachmittags Einkauf mit der Frau
und dann fällt mir ein
warum nehme ich mir soviel vor?
warum mache ich mir jetzt schon Gedanken?
ich schalte um auf Achtsamkeit
wo ist mein Atem?
ich suche meinen Atem
und ich konzentriere mich
auf meinen Atem
und diesen Augenblick
ja, das klappt nicht immer
selten
trotzdem heute ist 
Tag der Achtsamkeit
langsamer werden
eins zur Zeit machen
und jede Bewegung spüren
jeden Atemzug beobachten

1695 Toms Göttin

sie waren wieder im "Cafe Roth"
unten am Strand, am Strand
beim Wasser und im Sand
Tom hatte das Video an die Wand
gebeamt
und dort bewunderten sie
das Video der Kathedrale
Sagrada Familia in Barcelona
ganz langsam führte die Kamera
im 360° Modus im Kreis
in der Kirche herum
zeigte das gigantische, verrückte
und wunderschöne Bauwerk
des Genies Antonio Gaudi
dazu hatte die schönöe Anna
Musik von Eleni Kouraindrou aufgelegt
Toms Göttin
Anna beobachtete wie Tom 
unter der Musik von Eleni zerfloss
dahinfloss, die Tränen liefen ihm
best of collection
und Tom ging hinaus auf den Strand
und Tom ging und ging
Tom ging ins Wasser
mit der traurig melancholischen Musik
seiner Göttin Eleni im Ohr
mit ihrer Musik im Ohr...
und die zauberhafte Anna
die Schönste aller Schönen
rief ihm hinterher
aber Tom, ich liebe dich doch!!

1694 Leserbrief an die NZ

Leserbrief an die NZ Gerhard Roth  hat den Jeanette-Schocken-Preis bekommen. Für sein antifaschistisches Engagement gilt ihm mein Respekt. Seine Bücher zeugen von seinem gewaltigen Wissen und dass er ein gebildeter Mann ist. Sein Interesse an psychisch kranken Menschen und ihre Darstellung in seinen Büchern ist beispielhaft. Ich mag sein Art paranoide Prozesse zu beschreiben. Man kann von ihm lernen, aber das Lesen seiner Bücher ist anstrengend um nicht zu sagen eine Zumutung. 

Peter Müller
(Schriftsteller)

1692

Im "Cafe Finnegans Wake"
traf ich unten am Strand von
St. Marie de la Mer
den alten Amtsarzt
der seit einiger Zeit 
an seiner Biografie schreibt
also er schreibt sein Leben auf
wohl für seine Enkel
nun habe ich ihm angeboten
seinen Lebenslauf hier zu veröffentlichen
oder auszugsweise die Zeit des Krieges
und die Nachkriegszeit, die Zeit des Hungerns
und am Tisch saß der spirituelle Petrak
er hatte schon mal erzählt,
dass er früher bei den Anonymen war
und er sagte zu mir
er könne mir viel über den spirituellen Weg
erzählen
nein, einen Kurs wolle er nicht anbieten
das müsse jeder für sich

1691 Treffen mit einem Ehemaligen

an dann bei der Apotheke 
spricht mich einer an,
den ich nicht kenne
er stellt sich als ehemaliger Betreuter vor
und dann erinnere ich mich
er hat sich verändert optisch
ja, man habe ihm den Rücken versteift
und ja seit fünf Jahren trinke er nicht mehr
er seit nun mit 48 Jahren in Rente
und langweile sich
ich erzähle ihm von meinen Fotoprojekten
dass ich mein Leben genieße
und genug zu tun habe
noch gebraucht werde
als er mir erklärt,
wo er ungefähr wohnt
sage ich: da war ich gestern Flüchtlinge besuchen
und er:
ja, da wohnen Asylanten

1691

Tschakka!!
Mensch, ich bin doch kein
Hochleistungs-Rentner
Zeit für eine Ruhepause
zwischen den Fotoprojekten
der Morgen beginnt mit Schmerzen
der üblen Art
also mach ich heute mal wieder
einen Tag der Achtsamkeit
meinen Atem beobachten
den Kopf frei bekommen
atmen, atmen, sich bewegen
Spaziergänge
ich will mir Zeit nehmen
der Termin um 9.45 Uhr ist locker
atmen...
es ist eine sehr gute Kompaktkamera
auf den Markt gekommen
sieht sehr gut aus
erinnert an die Lumux LX7
Leica-Objektiv und elektronischer Sucher
Bedienung wie bei der Leica X vario
alles mechanisch also
bis auf Programmautomatik
die Testergebnisse sind gut
gute Bilder bis 1600 ISO
sparen...

1690 Foto-Ausstellung "Mit allen Sinnen"

heute bekam ich einen Anruf
die Leiterin hat sich entschieden
meine Foto-Ausstellung auf 24 Fotos
als vierundzwanzig großformatige SW-Bilder
50 x 60 cm zu vergrößern
habe also bei Rossmann noch drei Bilder
nachbestellt.
wir sind auf einem guten Weg
die Bilder sind repräsentativ und originell
ab 1. Juni werde ich die 24 Fotos rahmen
und am Tag der Offenen Tür
kann die Ausstellung dann eröffnet werden
Tschakka!!

1689 Besuch bei einer kurdischen Familie

der Besuch bei der kurdischen Familie
war ja nun eine ganz andere Nummer
sie sind seit fünfzehn Monaten
in Deutschland
nach sechs Monaten durften sie
einen Asylantrag stellen
da Ungarn ihr Erstland war
Vater, Mutter, drei Kinder
der Vater hat wohl für die Kurdische Partei
gekämpft
die Verständigung ist schwierig
sie sind alle nett
wir machen Fotos im Garten
vor der alten grauen Holzgaragentür
vor dem Apfelbaum und
vor  dem Zaun, der ein Loch hat

1687

jaja, ich weiß
Saudi-Arabien sucht acht neue Henker
richtige Männer
die willens und in der Lage sind
nicht nur zu köpfen
sondern auch zu amputieren
Hände, Arme, Füße, Beine...
Augenamputation, Querschnittsamputation
Kreuzamputation

1686 traumatisiert

wie muss das sein
wie muss sich das anfühlen
wenn man von seinem Land
vertrieben wird
wenn die schöne Tochter
mit Zwangsverheiratung bedroht wird
wenn man im Land herumirrt
und keine neue Wurzeln findet
wenn man die Heimat verlassen muss
und in anderen Ländern nicht
gewollt und nicht beschützt wird
wenn einen keiner will
wenn man schutzlos ausgeliefert ist
den eigenen Erinnerungen
dem Terror, der Willkür und Gewalt
wenn man nirgendwo hingehört
wenn man sich nicht selbst helfen kann
weil man die Sprache hier
nicht versteht und spricht
wenn alles aussichtslos und ungewiss ist
und unterwegs verliert man einen Teil
der Familie
wo mögen sie sein
leben sie noch
kein Lebenszeichen
du musst nach vorne schauen
pack dein Leben an
leichter gesagt als getan
wenn man traumatisiert ist
nach 9 Monaten im Lager
wurden sie in Österreich nachts
in Handschellen abgeschoben nach Italien
zurück nach Italien
Dublin II-Abkommen

1685

muss ich mich für meine Tränen
schämen
wenn der alte Mann da saß
völlig entrückt von dieser Welt
zusammen gesunken
ein Häufchen Elend
sprachlos
mit seinen Gedanken irgendwo
im Vorhof der Hölle
vielleicht fühlt er sich als Versager
der seine Familie nicht schützen konnte
vielleicht denkt er daran
sich umzubringen
nun muss seine Frau stark sein
und das Familienoberhaupt sein