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Peter Müller: Kommissar Kammeiers 1. Fall- Der Tote an der Geeste

Kommissar Kammeier

1. Fall: Der Tote an der Geeste

Von Peter Müller

Personenregister:
Charly Kammeier Kommissar
Simone Schwarzkopf Kommissarin
Christoph Engelhardt Kommissar
Erich Tecklenborg Lotse
Heddy Handschug Angestellte bei der BLG betreute Tecklenborg
Maria Kammeier Ehefrau
Moni, Bedienung
Franz Tecklenborg Fischhändler
Eduard Tecklenborg Rechtsanwalt
Walter Urspruch Angestellter"
Frau Grapenthin hat die Leiche gefunden
Herr Lunge Filialleiter der Sparkasse Lehe
Dr. Schulz Rechtsmediziner
Erna Schramm Freundin von Erich Tecklenborg

1. An der Geeste
Kommissar Kammeier verließ an diesem Morgen die gemeinsame Wohnung An der Allee, um zur Arbeit zu fahren. Seine Frau Maria winkte ihm aus dem Fenster im 1. Stock nach. Der Kommissar stieg gemütlich in seinen alten 7er BMW und fuhr los. Später schob sich der Wagen langsam die Eupener Straße hoch, dabei beobachtete Kammeier die dunklen Typen, die hier morgens um 7 Uhr herum standen. Einige Jungs trugen diese verdächtigen Kapuzen auf dem Kopf. Es waren junge Männer. Man sollte ihnen Arbeit geben, dachte Kammeier.
Er hatte Durst und musste nicht weit fahren. Kammeier sah aus wie ein großer Junge mit seinem verlegenen und smarten Lächeln. Er war ca. 1,85 Meter groß, schlank, hatte diesen langsamen, schaukelnden Gang nach dem Motto: komme ich heute nicht, komme ich Morgen. Aber er war gutmütig, freundlich und imitierte hin und wieder den unverkennbar amerikanischen Akzent seines Vaters. Sein Vater war ein weißer US-Soldat gewesen, der nach dem Krieg in Bremerhaven stationiert gewesen war, aber inzwischen wieder in den Staaten lebte.
Dann betrat er ein Lokal in der Rickmersstraße, dass zu dieser Zeit schon geöffnet hatte. Die nette Bedienung hinter der Theke des "Blauen Engel" kannte Charly, wie sie den Stammgast hier alle nannten.
"Kaffee und Grappa", meinte Kammeier. Als sein Handy klingelte, wurde er dienstlich, denn er hatte die Nummer der Einsatzzentrale auf dem Display erkannt.
"Hallo Herr Kammeier, die Kollegen vom Streifenwagen Neptun 12 haben eine Leiche auf dem ehemaligen Rickmersgelände an der Geeste gefunden. Dort in der Nähe des alten Rickmerskrans warten Ihre Kollegen schon auf Sie."
Er trank seinen Kaffee in einem Zug aus und den Grappa gleich hinterher.
Der Rechtsmediziner Dr. Schulz und die Kriminaltechnische Abteilung sind schon unterwegs."
"Roger over", meinte Kammeier und steckte sein Handy in die Jackentasche. Auf seiner Stirn hatten sich dicke Falten gebildet.
"Na, wieder was zu tun am frühen Morgen?" fragte die schlanke Moni mit den langen grauen Haaren mitfühlend.
"Ach, immer das gleiche" knurrte Kammeier, „da hat sich einer in die Geeste gestürzt. Ist doch viel zu kalt".
Kammeier fuhr die Rickmerstraße hoch und legte sich eine CD ein. Jetzt brauchte er Power. Es war Yussufs "Avoid City After Dark". Er drückte aufs Gas und ab ging die Kiste. Die Sonne kam heraus.
Ja, es würde ein guter Tag werden.
Kammeier lenkte seinen BMW am Gebäude der ARGE vorbei und sah den grünen Streifenwagen unter dem alten Denkmal geschützten Rickmerskran stehen. Er war nicht mehr der Jüngste, aber Jogging und Fahrrad fahren hielten ihn fit. Als er aus dem Auto stieg, trat in einen Haufen Hundekot und fluchte. Über den Rasen hinweg sah er das Marinegebäude auf der anderen Geesteseite und wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen.
Die Beamten des Streifenwagens hatten den Tatort weiträumig abgesperrt um zu verhindern, dass Spuren zerstört oder verändert wurden. Vom Fußgängeweg aus hatten sie einen Trampelpfad gelegt, damit Fachleute zum Tatort kommen konnten.
Kollege Engelhardt stellte ihm eine ältere Frau mit ihrem kleinen Hund vor, der sofort an zu bellen fing, als Kammeier näher kam.
"Das ist Frau Grapenthin, sie hat die Leiche gefunden."
Sie standen jetzt fast genau unter dem großen Turmkran. Kammeier war in der Nähe aufgewachsen, und wenn er morgens aufgewacht war, hatte er das Hämmern und den Krach von der Rickmerswerft gehört. Damals hatte die Werft noch Fischdampfer und Frachter gebaut. Aber das war lange her. Die Rickmerswerft hatte man 1986 geschlossen. Übrig geblieben waren dieser Turmkran und das Eingangstor vor der ARGE.
Kammeier gähnte. Ihm ging alles viel zu schnell. Er versuchte sich zu konzentrieren.
Vielleicht hätte ich doch den Grappa nicht trinken sollen, dachte er.
Er sah die nette ältere Dame streng an.
"Was ist passiert?" fragte er sie unfreundlich.
"Ich wohne da drüben im Haus von Leder-Mühl. Ich gehe hier jeden morgen mit Cäsar spazieren. Plötzlich ist mein Hund abgehauen und dort hinunter gelaufen an die Geeste. Und dort habe ich dann die Leiche des Mannes entdeckt. Schrecklich, wie er da liegt zwischen den Pfählen im Schlick."
Kammeier sah sie misstrauisch an.
Ob das wohl eine ist, die ihren eigenen Mann wegen der Rente umbringt? Wohl kaum. Sie sieht eher aus wie eine, die kontrolliert, ob ihre Nachbarn die Treppe machen.
Sie gingen dichter an den Fluss heran, standen jetzt an der Abbruchkante und der Kommissar konnte weiter unten die Leiche eines Mannes erkennen. Ein Spezialist war dabei den Tatort zu fotografieren. Die Leiche lag südöstlich vom Kran zwischen Schlamm, Geröll und alten Holzpfählen. Auch hier waren Fachleute in Plastikkleidung dabei, die noch frischen Spuren zu sichern. Kammeier sah sich um. Er stellte sich vor, wie der Mann spazieren gegangen war. Vielleicht war er hier auf dem Rasen überfallen und dann den Abhang hinunter geschubst oder geworfen worden.
In der Zwischenzeit waren der Silber haarige Rechtsmediziner Dr. Schulz und die Kriminaltechnik eingetroffen. Von Schulz erzählte man sich, er trage teure Anzüge und italienische Designerschuhe.
Die Techniker waren dort ein, zwei Meter den Abhang hinunter gestiegen, um die Leiche besser in Augenschein nehmen zu können. Kammeier ging zu den Kollegen hinunter und fragte:
"Und, können Sie schon etwas sagen, Dr. Schulz?“ Der Rechtsmediziner betrachtete seine verschmutzten teuren Schuhe, sah ihn an und meinte dann: "Durch Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopfbereich sind Risswunden mit Wundrandzerfetzungen entstanden. Wahrscheinlich hat er auch noch einen Schädeldachbruch mit Hämatombildung. Es sieht so aus, als ob jemand den Toten mit einem harten Gegenstand erschlagen hat. Er könnte sich aber auch beim Fallen das Genick gebrochen haben. Den Todeszeitpunkt wird die spätere Obduktion ergeben."
Klaus Engelhardt war Anfang fünfzig, wohnte noch bei seiner Mutter und galt bei Kollegen als Eigenbrödler. Am Wochenende ging er gerne Karten spielen. Er war schon grauhaarig, wirkte verschlossen und galt in der Kripo als ewiger Grantler. Aber er hatte auch seine guten Seiten. Engelhardt war das Rückrat der Mordkommission, der unerbittlich und zielstrebig die Hintergrund-Recherchen lieferte. Er war dafür bekannt, dass er ein intensiver Zeitungsleser war und sich gerne politisch austauschte. Bei Stress litt er leicht unter Magenschmerzen.
Der Kollege Engelhardt sah Kammeier an und meinte dann: "Wir haben Papiere gefunden. Der Mann heißt Erich Tecklenborg und wohnte in Langen, Hinschweg 7. Er war Lotse von Beruf und fünfundsechzig Jahre alt. Wir haben sein Handy gefunden und untersucht. Da gibt es verschiedene Rufnummern. Zuletzt hat er mit einer Heddy Handschug telefoniert."
Kammeier blickte hinüber zur Marine-Ortungsschule und musste daran denken, dass dort vor achtzig Jahren auf der Tecklenborgwerft die legendären P-Liner entstanden waren. Dort waren das Fünfmast-Vollschiff "Preussen" ebenso wie die "Padua", heute "Kruzenstern", gebaut worden.
Der Tote war mit Schlamm verschmiert, so dass man sein Gesicht nicht gleich erkennen konnte.
Die Rentenversicherung sollte froh sein, dass sie einen Empfänger los ist. Vielleicht hat die Deutsche Rentenversicherung in Oldenburg-Bremen den Mörder ja geschickt, dachte Kammeier. Er beobachtete, dass Engelhardt dabei war die Personalien der Zeugin Grapenthien aufzunehmen.
Die Sonne schien hell und freundlich. Kommissar K. entdeckte neben sich seine Kollegin Simone Schwarzkopf. Sie war noch neu in der Mordkommission. Kammeier fand sie sympathisch. Sie machte mit ihren achtundzwanzig Jahren gute Arbeit. Simone trug eine Jeansjacke und einen kurzen, eng anliegenden Rock aus weichem Stoff. Simone war eine atemberaubende Schönheit. Alles an ihr war perfekt, ihre tolle Ausstrahlung, ihre wundervolle Figur und ihr Selbstbewusstsein.
Der Kollege Sven Vanderbelt hatte einmal über Simone Schwarzkopf gesagt: „Wenn ich Simone sehe, möchte ich mich ihr zu Füßen werfen und sie bitten sich auszuziehen, dann möchte ich auf der Stelle Sex mit ihr, Sex, der niemals endet bis zum Tod. Ich stelle mir manchmal vor, wie sie wohl nackt aussieht. Wahrscheinlich genauso perfekt.“
Kammeier fand ihre Nase etwas zu lang und in manchen Augenblicken hatte er ein Gefühl von Minderwertigkeit, wenn sie ihn ansah. Manchmal war sie ihm etwas zu selbstbewusst.
Sie konnte manchmal Gedanken lesen. Simone Schwarzkopf lächelte ihn mit ihren grauen Augen an und meinte:
Ich habe die Handy-Nummer von Frau Handschug angerufen und mich mit der Dame unterhalten. Heddy Handschug arbeitet in einer Spedition im Kaiserhafen. Die kannte den Toten privat. Der Mann hat lange Zeit im Lotsenverein gearbeitet und war mit Erna Schramm befreundet, wohnhaft Goethestraße 12.“
Kammeier wollte wissen: "Und was hatte Frau Handschug mit ihm zu tun?"
"Sie hat sich um ihn gekümmert und ihn betreut“ antwortete Schwarzkopf.
"Gut", meinte der Kommissar und sah dabei den Kollegen Engelhardt an, den er manchmal zu siezen pflegte, "was haben wir noch? Ach, ehe ich es vergesse, lassen Sie nach Zeugen fahnden, befragen Sie Anwohner soweit möglich. Hat vielleicht jemand abends im Gebäude der ARGE noch gearbeitet? Waren Spaziergänger unterwegs?"
Simone schmunzelte und meinte dann: "Frau Handschug hatte eine Vollmacht und hat seine Konten verwaltet."
Kammeier sah sie an und dachte: Wie du da stehstso süß und zauberhaft. Jeder Mann möchte mit dir auf der Bank sitzen und kuscheln.
Simone hatte wieder diesen merkwürdigen Blick, den sie immer dann hatte, wenn sie dabei war, Gedanken zu lesen. Aber dieses Mal war es wohl noch gut gegangen.
Er riss sich zusammen und sagte zu seiner Kollegin: "Also zur Sache, wo gibt es eine Spur?"
Die Handschug hat mir am Telefon erzählt, dass der Lotse vor zwei Tagen eine massive Auseinandersetzung mit einem Herrn Lunge hatte“ antwortete Simone.
"Herr Lunge ist der Filialleiter der Sparkasse in Lehe“, bemerkte Kammeier zu Simone, die in Bremen wohnte.
Kammeier beschloss, zusammen mit seiner Kollegin ins Stadthaus 6 zu fahren und vergaß dabei, sich von seinem Kollegen Engelhardt zu verabschieden. Der machte ein langes Gesicht, weil Charly ihn gesiezt und sich nicht mal verabschiedet hatte. Klaus Engelhardt hatte wieder einmal das Gefühl, dass er ungerecht behandelt wurde und Kammeier Simone vorzog. Das tat weh.
In unserem Büro gibt es eine Kaffeemaschine und wenn wir Glück haben, ist es dort etwas ruhiger“, bemerkte Kommissar K.
Simone stieg bei ihm ein. Sie fuhren die Hafenstraße Richtung Norden hoch. Am Leher Tor stand die Ampel auf Rot.
"Frau Handschug hatte den Toten nicht unter Betreuung", meinte Kammeier mit sich selbst redend. Simone Schwarzkopf antwortete: "Nein, sie hatte eine Vollmacht für Vermögensangelegenheiten. Ich denke, wir sollten Frau Handschug mal einen Besuch abstatten. Und natürlich auch der Sparkasse in Lehe."
Kammeier kam ins Grübeln.
Während sie die Hafenstraße mit ihren eindrucksvollen alten Häusern aus der Gründerzeit hoch fuhren, hielt Kommissar K. den Wagen kurz an. Er zeigte über den Parkplatz zu dem weißen, verschachtelt wirkenden Gebäude. Außen sah man Treppen, die am Gebäude hoch führten. Und Simone fragte: "Irgendwie imposant, wenn auch nicht schön. Was passiert denn dort?"
Charly antwortete:" Dort arbeitete bis 2000 die Kalksandsteinfabrik Kistner. Zurzeit wird öffentlich über die Wiederverwertung der Fabrik und des Kistnergeländes nachgedacht. Schön wäre eine Markthalle, aber dafür ist wohl kein Geld da."
Sie fuhren weiter. Kammeier brummte der Kopf.


2. Im Stadthaus
Nach einer Weile waren sie mit dem Auto an der Ecke Hinrich-Schmalfeldt-Straße und Hafenstraße angekommen und Kammeier sah die ärmlich gekleideten Menschen, die wohl vom Sozialamt kamen. Dann waren sie auf dem Parkplatz vor dem Stadthaus 6 angelangt und er beobachtete, wie Simone mit ihren schönen nackten Beinen ausstieg.Kammeier fragte: "Wusstest du eigentlich, dass unser Stadthaus 6 früher eine Polizeikaserne war?"
Simone schaute am Gebäude hoch und meinte: "Das ist kein schönes Gebäude, passt eher zu einer Militärkaserne."
"Hier war früher die Meldestelle, die ist jetzt ins Stadthaus 7 umgezogen und nennt sich Bürgerbüro Nord. Eine praktische Sache."
Dann waren sie im Büro der Kriminalpolizei angekommen. Die beiden hatten ein mittelgroßes Büro im zweiten Stock mit Blick auf die Stadthäuser. Simone setzte sich an ihren Schreibtisch. Kammeier reichte ihr einen Becher dampfenden Kaffees über den Tisch und dachte: es ist angenehm sie um sich zu haben.
Zwei Stunden später kam Engelhardt mit einem verschmitzten Lächeln ins Büro und setzte sich zu den beiden.
"Ich habe mal ein bisschen herum telefoniert und im PC nachgeschaut. Folgendes habe ich in der Kürze herausgefunden: Erich Tecklenborg wurde 1942 geboren. Er war Erbe der Tecklenborg Fisch Companie und vermögend. Aus der Ehe mit seiner Frau Henriette gibt es zwei Kinder: Franz und Eduard Tecklenborg. Franz wurde 1965 geboren, ist 42 Jahre alt und von Beruf Fischhändler. Eduard wurde 1968 geboren, ist 39 Jahre alt und von Beruf Rechtsanwalt. Franz hat die elterliche Firma übernommen. Er war dabei aber nicht besonders erfolgreich. Henriette Tecklenborg ist vor einigen Jahren verstorben."
Kommissar Kammeier sagte: "Gut gemacht, Klaus. Die beiden Söhne dürften die Erben sein und vom Tod Tecklenborgs profitieren."
Simone bemerkte spitzfindig: " Und vielleicht auch noch Erna Schramm, seine Bekannte, falls es ein Testament gibt."
Die Kriminaltechnische Abteilung rief an.
"Wir haben da etwas gefunden. In der Nähe des Tatortes wurde von Spaziergängern am frühen Morgen eine ältere Frau gesehen. Sie war sportlich von Statur und wurde beobachtet, wie sie mit einem Polo mit CUX-Nummer wieder alleine weg fuhr", sagte eine Frau am Ende der Leitung.
Kammeier fragte: "Was wissen wir über unser Opfer? Mit wem war er befreundet?"
Engelhardt fuhr fort: "Wir haben herausgefunden, dass dort eine Frau ein und ausgegangen ist. Sie soll drahtig aussehen und einen Polo mit CUX-Nummer fahren.“
Kammeier schaute auf seine amerikanische Fliegeruhr, die ihm sein Vater geschenkt hatte, und sah, dass es schon kurz vor 12 Uhr war. Er hatte Hunger. Simone schenkte ihm ihr schönstes Lächeln und sagte: "Wollen wir etwas essen gehen?"
Kammeier fühlte sich ertappt. Er spürte Verspannungen und merkte, dass ihm frische Luft und Bewegung fehlten. Sie beschlossen Essen zu gehen.


3. Beim Italiener
Kammeier, Schwarzkopf und Engelhardt saßen zusammen beim Italiener in der Hinrich-Schmalfeldt-Straße und warteten ungeduldig auf den Kellner. Kommissar K. mochte dieses Lokal nicht besonders, es war ihm etwas zu dunkel. Aber das Essen schmeckte gut. Der Kommissar bestellte sich Nudeln mit Fisch, Simone bat um einen Salat und Engelhardt entschloss sich zu einer Pizza. Während sie zu essen begannen, sagte Simone : "Im Moment gibt es für mich vier Leute, die in Frage kommen, Heddy Handschug, die Vermögensbetreuerin, Erna Schramm, die wohl am Tatort gesehen wurde, sowie die beiden Söhne als Erben.“
Kammeier reagierte spontan und ergänzte: "Erna Schramm ist noch am nächsten Morgen am Tatort gesehen worden, vielleicht war sie es, weil sie ein schlechtes Gewissen hatte?"
Kammeier meinte weiter zu Engelhart: "Ich werde mir diese Brüder Tecklenborg mal etwas genauer anschauen. Du Klaus überprüfst, ob es von Erich Tecklenborg ein Testament gibt. Kontrolliere auch, ob außer den Kindern noch jemand von Tecklenborgs Tod profitiert."
Klaus Engelhardt nickte stumm und hing mit seinem Kopf über dem Essensteller. Gemächlich schaufelte er sich das Essen in den Mund.
Kammeier dachte: typischer Junggeselle und hatte Angst, Engelhardt könnte in den Teller fallen, aber es ging auch dieses Mal gut. Während Kammeier mit seiner Lausbubenart misstrauisch Engelhardts Essgewohnheiten beobachtete, versuchte er gleichzeitig Simone Schwarzkopf unter Kontrolle zu behalten. Beim letzten gemeinsamen Essen waren ganz plötzlich Messer und Gabel verschwunden, und keiner wollte es gewesen sein. So gerne er Simone mochte, aber die Tatsache, dass in ihrer Gegenwart häufig Gegenstände verschwanden, machte ihm Angst.
"Simone, du kümmerst dich um die Bekannte, Frau Schramm. Nimm Kontakt zu ihr auf."
Kammeiers Handy klingelte. Seine Frau war dran.
"Wie geht es dir? fragte er.
Maria schwärmte: "Ich mache gerade eine Pause. Ich habe ein bisschen Zeit und musste an dich denken. Was machst du?"
Maria Kammeier arbeitete in einem privaten Pflegedienst, wurde schlecht bezahlt und hatte ständig Schichtdienst. Sie liebte ihren Job und ihre alten Menschen, die sie pflegte. Als Kammeier sie das erste Mal kennenlernte, war sie noch auf der Universität im Studiengang Lehrerbildung eingetragen. Später hatte sie sich zur Sozialarbeiterin ausbilden lassen. Aber in diesem Beruf war sie nicht glücklich geworden. Schließlich hatte sie eine Umschulung zur Altenpflegerin absolviert und hier ihre Berufung gefunden. Maria war mit Leib und Seele Altenpflegerin.
Kammeier hatte beim ersten Treffen mit ihr das Gefühl, sie schon sehr lange zu kennen. Er wusste bis heute nicht, an wen sie ihn erinnerte. Maria war eine verständnisvolle Frau, mittelgroß, etwas grauhaarig und vom Wesen her freundlich. Vorurteile waren ihr fremd. Sie interessierte sich für viele Dinge, las gerne Bücher und hatte mehrere Freundinnen. Sie liebte es, im Urlaub zusammen mit Charly durch die Museen zu wandern.
Kammeier sagte: "Wir haben einen Toten in der Geeste gefunden. Der ist den Abhang hinunter gerutscht und sieht ziemlich verschmiert und dreckig aus. Wir werden ein paar Leute befragen müssen."
Maria meinte: "Ich werde am Samstag sechs Richtige im Lotto gewinnen. Dann fahren wir in die Toskana und lassen es uns gut gehen. Oder wir machen eine Reise durch Europa. "
"Ja, sagte Kammeier, "das ist super. Mir fallen dazu noch Mecklenburg-Vorpommern, Dresden und Prag ein. Mach es gut."
Die drei Kriminalen brachen auf. Seine beiden Kollegen verschwanden, um ihre Arbeit zu erledigen. Kammeier ging gemächlich die Hinrich-Schmalfeldt-Straße hoch zum Stadthaus 6. Er holte tief Lust und genoss es, sich zu bewegen und etwas alleine zu sein. Von der anderen Straßenseite grüßte ihn ein Kollege vom Personalamt. Endlich mal alleine, dachte er, und lachte.


4. Besuch bei Erna Schramm
Simone Schwarzkopf parkte ihren Dienstwagen ein Stück vom Haus Goethestraße 12 entfernt. Den Rest ging sie zu Fuß. Es war laut hier und gegenüber auf der anderen Straßenseite standen ein paar junge Typen herum, die aussahen, als wenn sie Probleme mit Alkohol oder Drogen hätten. Schwarzkopf drückte auf die Klingel mit dem Namen "Schramm". Kurz darauf wurde geöffnet und sie fuhr mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock. Es roch nach Reinigungsmitteln. Sie wurde unkompliziert von Erna Schramm empfangen, die sofort an zu plappern fing und sie beschwatzte. Frau Schramm war eine attraktive Mittvierzigerin, die hier eine Zweizimmerwohnung mit Blick auf die Goethestraße bewohnte. Es war eine von diesen alten Leher Wohnungen mit hohen Decken und Gasheizung. Die Wohnung wirkte dunkel und nach hinten hinaus sah man in einen ungepflegten Hof. Simone Schwarzkopf roch ein Parfüm, das sie an das billige Rasierwasser ihres Vaters erinnerte. Frau Schramm war mittelgroß, sehr schlank und sportlich. Sie wirkte schlicht. Simone dachte weiter: wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, sie kann keine Männer leiden.
Kommissarin Schwarzkopf wusste inzwischen von der KTA, dass der Tote am vorigen Abend zwischen zwanzig und einundzwanzig Uhr verstorben war. Als Todesursache hatte der Rechtsmediziner angegeben, der Tote sei an einem Genickbruch gestorben, es könnte aber auch sein, dass er von hinten erschlagen wurde.
"Eine nette Wohnung haben Sie hier", begann Simone das Gespräch.
"Ja, sagte Frau Schramm,"seitdem mein Mann tot ist, lebe ich hier alleine".
"Kennen Sie einen Erich Tecklenborg?" frage Simone neugierig weiter.
"Ja, sicherlich, wir waren doch befreundet. Ich besuchte ihn regelmäßig in seiner Wohnung in Langen und kümmerte mich um ihn", erzählte Frau Schramm und versuchte ein freundliches Gesicht aufzusetzen. Die Kommissarin fragte: "Wann haben Sie Herrn Tecklenborg das letzte Mal gesehen?"
Wahrheitsgemäß antwortete Frau Schramm: "Gestern Abend. Wir waren noch zu Fuß an der Geeste unterwegs, haben uns nett unterhalten, und in der Nähe vom Rickmerskran wurden wir dann von einem Mann überfallen."
Dabei griff sich Frau Schramm mit der Hand ins Gesicht.
"Was ist weiter passiert?", fragte die Kommissarin in einem fordernden Ton.
"Plötzlich tauchte auf dem Gehweg ein Schatten auf, ein Mann mit einer Pudelmütze schlug von hinten auf Erich ein. Sie haben auf dem Rasen gerungen. Ich bekam einen Schrecken und lief weg. Ich stand hinter dem Kran und sah, wie die beiden kämpften und Erich die Uferkante hinunter fiel. Ich glaube, der Mann hat Erich ausgeraubt. Nach einer Weile bin ich zu der Stelle hingegangen, um nach Erich zu schauen, aber im Dunkeln konnte ich kaum etwas sehen. Ich habe dort noch einen anderen Mann laufen sehen, den konnte ich auch nicht erkennen. Es war so dunkel. Ich hatte furchtbare Angst und der Abstieg hinunter ans Wasser war mir zu gefährlich. Dann bin ich ganz schnell weggelaufen. Ich weiß, das war falsch. Mir ist das alles so peinlich, das können Sie sich nicht vorstellen. Dass ich ihn alleine gelassen habe."
Sie fing bitterlich an zu weinen.
Bildete Simone es sich nur ein, oder log die Frau? Warum glaubte sie ihr nicht? Scharf fragte Simone Schwarzkopf: "Warum haben Sie die Polizei nicht sofort angerufen?"
"Ich hatte kein Handy dabei und hatte Angst ohne Ende, dass man mich bezichtigt, ich hätte ihn erschlagen."
Die Kommissarin dachte nach. Der Mann hatte auf den Alten eingeschlagen, deshalb musste dieser noch lange nicht tot gewesen sein. Warum hatte sie ihm nicht geholfen? Hatte sie gehofft zu erben? Die beiden waren nicht verheiratet. Aber vielleicht gab es ein Testament? Laut sagte Simone Schwarzkopf vorwurfsvoll: "Sie haben Ihren Freund dort unten im Schlamm hilflos und verletzt liegen gelassen."
Simone beobachtete die Alte genau. Erna Schramm überlegte fieberhaft. Laut sagte Frau Schramm: "Wissen Sie Frau Kommissarin, der Erich war reich und mir gegenüber war er immer so knauserig; dabei habe ich Vieles für ihn getan. Ich weiß nicht mal, ob er ein Testament zu meinen Gunsten gemacht hat."
"Und deshalb haben Sie ihm nicht geholfen, weil Sie enttäuscht von ihm waren? Kannten Sie den Mann, der Herrn Tecklenborg niedergeschlagen haben soll?"
Simone beobachtete, wie Frau Schramm nach einer Antwort suchte, aber schwieg. Simone versuchte herauszufinden, was Frau Schramm dachte. Erna Schramm sah ausweichend aus dem Fenster, blickte auf die gegenüberliegende Häuserfront und dachte: Mädchen, wenn du wüsstest.
Laut sagte sie: "Der Mann mit der Pudelmütze kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich komme nicht drauf, wer es gewesen sein könnte".
Dann kam die letzte Frage: "Warum waren Sie am nächsten Morgen noch einmal am Tatort, Frau Schramm?"
Etwas zitterig antwortete die Frau: "Ich hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, und mein schlechtes Gewissen ließ mir keine Ruhe. Ich musste noch einmal hin und gucken, ob er noch lebt und ich etwas für ihn tun konnte."
Simone meinte kaltblütig: "Sie wollten sicher sein, dass er wirklich tot war und sie ihn beerben konnten?"
Frau Handschug sah die Kommissarin sprachlos an. Sie spürte, dass sie etwas falsch gemacht hatte.
Unterlassene Hilfeleistung, dachte sie. Scheinbar hält mich die junge Frau für die Mörderin meines Freundes.


5. Geestemünder Mole
Charly Kammeier saß in seinem 7er-BMW am Seedeich mit Blick auf die Geestemole. Links und rechts neben ihm standen weitere Fahrzeuge in einer Reihe. Das war Kammeiers Lieblingsplatz in Bremerhaven. Hier konnte er stundenlang sitzen und auf die Weser schauen. Gerade kam wieder die Fähre aus Blexen zurück und bog in den Geestevorhafen ein. Er stieg aus dem Auto und schlenderte zur Mole. Von hier hatte er einen wunderbaren Blick auf die andere Seite der Mole, auf das Columbus-Center, die Weserterrassen und das neue Lotsenhaus. Er hatte sich hier mit Franz Tecklenborg verabredet. Kurz darauf bog ein alter Mercedes auf den Parkplatz ein. Ein gut gekleideter Herr Anfang 40 in blauer Barbourjacke mit einer Mütze auf dem Kopf entstieg dem Wagen und ging gemächlich zur Mole und setzte sich auf die Bank. Franz Tecklenborg beeindruckte mit einem gewaltigen Bierbauch, einem Oberlippenbart und schmalen freundlichen Augen. Man sah ihm an seiner Art zu gehen an, dass er ein Geschäftsmann war.
Kammeier setzte sich zu Franz Tecklenborg und stellte sich vor: „Hallo, mein Name ist Charly Kammeier von der Kriminalpolizei. Ich ermittle im Todesfall Erich Tecklenborg. Es besteht der Verdacht, dass Ihr Vater ermordet wurde.“
Der Kommissar übergab seine Visitenkarte und beobachtete Tecklenborgs Reaktion. Sie schwiegen eine Weile lang und starrten auf die Weser. Franz Tecklenborg begann zu erzählen: „Ich habe eine Fischfirma in Halle X im Fischereihafen, die sich mit der Verarbeitung von Frischfisch und der Weiterverarbeitung zu Räucherfisch beschäftigt. Wie ist das mit meinem Vater passiert?“
Kammeier meinte nach einer Weile zu ihm: "Wir haben ihren Vater heute Morgen tot an der Geeste gefunden. Eine Frau aus der Gegend hat ihn beim Spaziergang gefunden."
Kammeier beobachtete den Sohn scharf aus den Augenwinkeln.
"Gott wie schrecklich." Tecklenborg reagierte unruhig und besorgt. Kammeier schwieg. Franz Tecklenborg meinte zum Kommissar: "Sie bestellen mich hier während der Arbeitszeit her, nun spannen Sie mich nicht auf die Folter. Was ist los?"
Kammeier beobachtete den Flug einer Möwe und meinte dann: "Wo waren Sie gestern Abend zwischen 20 und 21 Uhr?"
"Ich habe einen Spaziergang gemacht. Ich wohne in der Hohenstauffenstraße und bin von dort den Geestewanderweg Richtung Rickmerswerft hoch gelaufen."
Kammeier saß auf der Bank, als sei er angewurzelt und hätte hier schon seit hundert Jahren gesessen. Irgendwie fühlte er sich wie versteinert. Dann fragte er:" Und ist Ihnen jemand begegnet?"
"Begegnet nicht, aber ich habe mir eingebildet, Erich und Erna dort von weitem gesehen zu haben. Aber ich kann mich auch geirrt haben. Die beiden standen dort in der Nähe des Rickmerskrans und stritten ziemlich laut."
In diesem Augenblick hatte Kammeier keine Lust zu seinem Job. Er wäre lieber am Seedeich Fahrrad gefahren, statt sich mit Verbrechen zu beschäftigen. Der Mann war ihm sympathisch, so ein richtig gemütlicher Bremerhavener Fischhändler.
War das ein Mörder? Wieso Mörder, dachte Kammeier, wer sagte denn, dass es Mord war? Kammeiers Handy klingelte. Seine Kollegin Simone war dran. Er sah ihr schönes Gesicht vor sich.
"Hallo Charly, ich habe mit Frau Schramm gesprochen. Sie war gestern Abend mit Tecklenborg an der Geeste und behauptet, dass er von einem Mann überfallen worden sei. Sie hat ihm nicht geholfen, sondern tatenlos zugesehen. Den Mann kannte sie angeblich nicht. Ich glaube, ihr kein Wort. Sie hat vermutlich kaltblütig zugesehen, wie er dort unten hilflos lag."
"Simone, danke für die Information. Bis morgen im Büro."
Kammeier verabschiedete sich von Herrn Tecklenborg und ging sehr langsam den Seedeich entlang. Charly beobachtete die Möwen in ihrem Flug und atmete die Seeluft ein wie ein Süchtiger. Er hatte das Gefühl frei zu sein und dachte: „Leckt mich doch alle am Arsch. Ich mache jetzt noch einen schönen Spaziergang und.genieße den Augenblick.
Er steckte seine Hände in die Jackentasche und dachte: verdammte Kälte.
Es war erstaunlich wie windig es hier am Deich war. Am Fuße des Seedeichs ließ es sich nur mühsam gehen, weil der Weg schräg verlief. Graue Wolken waren am Himmel aufgezogen. Eine Weile noch ging er vor sich hin, ließ seinen Gedanken freien Lauf und fühlte sich gut.


6. Im "Lloyds"
Als er wieder an der Geestemole angekommen war, rief er seine Frau an und verabredete sich mit ihr zum Essen im Restaurant "Lloyds". Der Himmel verdunkelte sich immer mehr. Würde es Gewitter geben? Gegen halb fünf Uhr parkte er seinen 7er am Auswandererhaus und ging zu Fuß am Neuen Hafen entlang. Kammeier liebte diese Ecke von Bremerhaven mit dem Blick auf den alten Dampfeisbrecher "Wal". Weiter oben sah man auf das hölzerne Polarforschungsschiff "Grönland". Sein Lieblingsplatz war allerdings die Schiffergilde mit den Traditionsschiffen "Rungholt" und "Henny". Vor dem "Lloyds" wartete Maria schon eine Weile. Sie war einen Kopf kleiner als er und strahlte Ruhe aus. Er liebte ihre freundliche und verständnisvolle Art. Charly nahm seine Frau in den Arm und spürte, wie sie zusammen gehörten. Sie gingen hinein und suchten sich einen Tisch, von dem aus man die Segler der Schiffergilde beobachten konnte.
"Was möchtest du essen", fragte er Maria und strich über ihr kurzes, leicht ergrautes Haar.
"Ich nehme etwas mit Nudeln, und du?" antwortete Maria. Sie hatte einen blauen Rollkragenpullover an. Maria beobachtete ihren Mann aufmerksam und fragte dann: "Na, was macht die Arbeit?"
"Ach", meinte Kammeier,"wir sind immer noch am Anfang unserer Ermittlungen. Die Kollegen haben am Morgen die Spuren am Tatort gesichert. Und was hast du gemacht?"
Maria erzählte von Herrn Niemann, den sie fast täglich besuchte. Ein freundlicher und dankbarer alter Herr, der sich alle zwei Wochen mit seiner 75jährigen Freundin stritt und dann tot unglücklich war. Maria kaufte für Herrn Niemann ein, reinigte seine Wohnung und versuchte zweimal in der Woche ihn dazu zu bewegen, dass er sich duschen ließ. Maria hatte Anweisung von ihrer Pflegeleitung sich genau an die Zeitvorgaben der Pflegeversicherung zu halten. Sie sagte: „Mit den zwanzig Minuten am Tag komme ich vorne und hinten nicht zurecht. Ich möchte mich ja auch mal ein wenig mit ihm unterhalten.“
Kammeiers Handy klingelte. Es war der Kollege Vanderbelt von der Kriminalbereitschaft, der berichtete: „Der Rechtsmediziner hat die Leiche von Erich Tecklenborg untersucht und festgestellt, dass der Mann herzkrank gewesen ist. Wir haben in seiner Bekleidung kein Portemonnaie, keine Kreditkarte oder ähnliches gefunden. Die Spurensicherung hat an der Bekleidung von Tecklenborg blaue Wollreste gefunden. Die könnten von einer Mütze stammen. Am Tatort gibt es Fußspuren, die auf einen Kampf hindeuten.“
Den Abend verbrachten Kammeiers gemütlich zu Hause vor dem Fernseher bei einem Glas französischen Wein.


7. Stadthaus 6
Charly Kammeier erschien am nächsten Morgen kurz nach 8 Uhr im Büro. Seine Kollegin Schwarzkopf war gerade dabei, einen jungen Mann zu vernehmen.
Simone sagte zu Kammeier: "Es hat sich jemand auf unsere Zeugensuche hin gemeldet. Das ist Herr Walter Urspruch aus der Myslowitzer Straße. Er hat vorgestern Abend nach 20 Uhr einen Spaziergang auf dem Geestewanderweg unternommen und dabei Franz Tecklenborg getroffen. Die beiden haben sich kurz unterhalten, weil Herr Tecklenborg es eilig hatte. Herr Urspruch arbeitet in der Firma von Herrn Tecklenborg. Wenig später sah er vor sich den alten Erich Tecklenborg mit seiner Freundin an der Geeste spazieren gehen. Herr Urspruch ist dann in der Höhe Rampenstraße Richtung Fußgängerzone abgebogen.“
Kammeier sah sich den jungen Mann um die 30 genauer an. Er hatte eine schwarze Bomberjacke und eine blaue Jeans an. Auf dem Kopf trug er eine blaue Wollmütze. Sein Gesicht wirkte etwas angespannt und er hatte einen Spitzbart. Herr Urspruch drehte seine Mütze nervös in der Hand und sagte dann: "Er ist der Vater meines Chefs."
Kammeier setzte sich und dachte: Reste einer Wollmütze wurden am Tatort gefunden. Könnte es sein, dass...? Er schaute sich den jungen Mann an und fragte: „Haben Sie Erich Tecklenborg näher gekannt?“
Eigentlich wenig“, meinte Herr Urspruch.
Hatten sie mit Tecklenborg an dem Abend Streit?“ wollte Kammeier wissen.
Wir haben uns nur kurz gegrüßt wie immer“ antworte Urspruch. Der Kommissar sagte: "Danke, dass Sie gekommen sind, Sie können gehen."
Als Kammeier am nächsten Morgen aufwachte, hatte er einen Traum gehabt. Er träumte, dass sich Vater und Sohn gestritten hatten. Der Sohn Franz Tecklenborg sagte, dass sein Geschäft im Fischereihafen schlecht laufe. Sein Vater solle ihm Geld für das Geschäft geben, er müsse sonst Insolvenz anmelden. Während des Gespräches saß eine Frau am Tisch, sagte aber kein Wort. Sie lächelte nur und blickte Kammeier an, als wollte sie ihn verführen. Zum Schluss sagte Tecklenborg noch drohend zu seinem Vater: Wenn du mir kein Geld gibst, wird etwas Schreckliches passieren.
Als Kammeier ins Büro kam, sah Simone Schwarzkopf so schön aus wie noch nie. Sie strahlte und lachte und war ein wenig schadenfroh. Charly erzählte Simone von seinem Traum, worauf Simone Schwarzkopf meinte, es könnte passen, dass Tecklenborg seinen Angestellten Urspruch losgeschickt habe, den Alten umzulegen. Kammeier kombinierte:"Aber wir haben keine Beweise, dass Tecklenborg einen Mord in Auftrag gegeben hat, noch können wir beweisen, dass Urspruch den Alten vom Ufer gestürzt hat."



8. An der Bananenkaje
Eine Stunde später saßen Schwarzkopf und Kammeier im Konferenzraum der BLG mit Frau Handschug zusammen. Es gab Kaffee und Wasser. Kammeier entspannte sich auf dem teuren Gestühl und blickte auf die Wanduhr. Es war genau 6.47 Uhr. Seine Armbanduhr zeigte 10 Uhr an. Die Angestellte war eine attraktive Frau, gut aussehend und mit einem charmanten Lächeln ausgestattet, dass jeden Mann glücklich gemacht hätte. Kammeier beobachtete ihre tolle Figur und dachte an seinen Traum mit ihr. Der Kommissar bewunderte den schönen alten Tresor und die lange Reihe von gebundenen Büchern. Heddy Handschug sagte: "Erich Tecklenborg war vermögend."
"Und warum musste er dann mit 65 Jahren noch zur See fahren? Haben Sie ihn als Bevollmächtigte so kurz gehalten?" fragte Simone Schwarzkopf.
"Nein, nein," meinte sie lachend, "er bekam jeden Monat eine ansehnliche Summe auf sein Konto, etwa 2000 €. Davon hätte er gut leben können. Aber er brauchte seine Arbeit. Ich hatte eine Generalvollmacht, weil er gemerkt hatte, dass er mit der Verwaltung seiner Finanzen überfordert war."
Kammeier: "Wie war die Beziehung zwischen dem Vater und seinen Söhnen?"
Handschug: "Franz Tecklenborg ist ein schlechter Geschäftsmann, er brauchte Geld, er hat den Vater seit Jahren um Geld angepumpt, teilweise mit Erfolg."
Kammeier: "In welcher Beziehung stehen Franz Tecklenborg und sein Bruder Eduard Tecklenborg zu einander?"
Frau Handschug wurde etwas unruhig auf ihrem Stuhl, hatte aber immer noch diesen unwiderstehlichen Charme, und Kammeier hätte gerne mal mit ihr zusammen privat einen Kaffee getrunken. Handschug sagte: "Eduard und Franz Tecklenborg sind Brüder und die Kinder von Henriette Tecklenborg und Erich Tecklenborg."
Als Kammeier und Schwarzkopf den Konferenzraum verließen, stand die Wanduhr immer noch auf 6.47 Uhr. Auf Kommissar Kammeiers Fliegeruhr war es inzwischen 10.45 Uhr. Auf dem Flur verabschiedeten sie sich von Frau Handschug und sie schenkte Kommissar K. wieder dieses sexy Lächeln und sagte: "Vielleicht laden Sie mich mal zu einem Kaffee ein, wenn Sie in der Nähe sind?"



9. PackhalleX
Als Simone und Charly wieder auf der Straße standen, sahen sie sich an und lachten. Sie fuhren in Kammeiers 7er BMW die Georgstraße hinunter und bogen dann nach rechts in den Fischereihafen ab. Von hier oben konnte man die ehemalige Seebeckwerft sehen. Sie ließen die Packhalle IV rechts liegen und fuhren die Hoebelstraße hoch. Früher hatte es hier nach Fischgammel gestunken und die Fischdampfer hatten an der Kohlenpier gegenüber gelegen. Simone zeigte aus dem Fenster, weil sie vor der Halle X angekommen waren. Sie stiegen aus und warfen einen Blick auf den irakischen Frachter "Al Zahraa", der seit Jahren in Bremerhaven infolge des Irak-Embargos an der Kette lag und den man vor kurzem aus dem Kaiserhafen hierher geschleppt hatte. Als sie zu Fuß durch die Halle X gingen, roch es unweigerlich nach Fisch. Nach einer Weile hielten sie an.
Da ist sie ja“, sagte Kommissar K.: "Tecklenborg Fisch Companie".
Sie gingen durch eine kleine Tür ins Büro und standen plötzlich vor dem Chef der Firma. Kammeier und Tecklenborg begrüßten sich freundlich. Tecklenborg holte einen Stuhl für Simone und schob ihn ihr lächelnd zu. Charly Kammeier setzte sich und begann gemächlich zu erzählen:
"Wir haben erfahren, dass es Ihrer Firma finanziell schlecht geht. Jetzt wo Ihr Vater verstorben ist, werden Sie ein reicher Mann werden und ihre Firma sanieren können. Man könnte auch sagen, Sie profitieren vom Tod Ihres Vaters."
Tecklenborg lehnte sich im Stuhl zurück und blickte misstrauisch drein. Dann sagte er: "Das ist richtig, aber mein Bruder Eduard bekommt die andere Hälfte."
"Ja", sagte Simone, "das ist schade, Sie müssen teilen. Theoretisch haben Sie Recht. Nur mit dem Unterschied, dass Ihr Bruder schon als Anwalt vermögend ist. Er gilt als Millionär und Mitbesitzer mehrerer Firmen. Der hatte es wahrscheinlich nicht nötig, einen Mord in Auftrag zu geben."
Es entstand eine bedrückende Stille. Der Rauch von Tecklenborgs Zigarre zog beißend durch den Raum und mischte sich mit dem Fischgeruch. Tecklenborg meinte zum Abschied: „Ich gebe zu, dass es meiner Firma zurzeit nicht gut geht, aber das ist doch kein Grund seinen Vater umzubringen.“
Ironisch meinte Schwarzkopf: „Manche verkaufen sich schon für 30 €.“
10. Fischereihafen
Als sie draußen wieder alleine waren, gingen sie noch ein Weile an der Ostkaje des Fischereihafens spazieren und entschlossen sich, etwas essen zu gehen. Wie in alter Freundschaft saßen Simone Schwarzkopf und Kammeier im Fischrestaurant "Ankerplatz" und aßen Pangasiusfilet mit Kartoffelsalat und tranken Bremer Bier dazu.
"Ich mag diesen Laden", meinte Kammeier und grinste.
Simone hatte sich wieder etwas entspannt und begann zu erzählen, wie sie sich ihre Wohnung in Bremen einrichten wollte.
Kammeier`s Handy klingelte. Der Kollege Engelhardt war dran. Er war etwas schlecht zu verstehen. "Wieder so ein Netzproblem", meinte Kammeier und stand auf. Er begann zum Ausgang zu gehen in der Hoffnung, eine bessere Netzabdeckung zu bekommen. Dann verstand er Engelhardt wieder besser.
"Charly, hör zu. Wir waren in der Eigentumswohnung von Tecklenborg im Hinschweg. Schöne Wohnung. Wir haben ein paar Papiere mitgenommen. Danach scheint es ihm finanziell sehr gut gegangen zu sein. Da hing noch ein Bild von seiner verstorbenen Frau Henriette an der Wand. Und ein Bild vom Gebäude der früheren Tecklenborg Fisch Companie. Merkwürdig war ein Schreiben der Sparkasse Bremerhaven, dass auf seinem Schreibtisch lag. Sie haben ihn aufgefordert, sein Girokonto auszugleichen, unterschrieben von einem Herrn Lunge. Die Wohnung ist in einem tadellosen Zustand. Vielleicht hat da ja auch Frau Schramm mit geholfen. Bei den Nachbarn war er beliebt, scheint ein ganz lieber Mensch gewesen zu sein. Und einen Bettelbrief von seinem Sohn Franz haben wir gefunden. Er bittet seinen Vater um 100.000 €. Der Brief wurde vor zwei Wochen geschrieben. Sonst haben unsere Ermittlungen weiter nichts ergeben."
"Klaus, ich danke dir, Roger over." sagte der Kommissar.
Nach einer Weile meinte Simone zu Charly: "Die Handschug war ja ganz schön scharf auf dich".
"Findest du?", fragte er scheinheilig.
"Simone, du weißt doch, ich bin nur dir treu."
"Und deiner Frau", sagte sie und lachte.
"Männer können besser gucken als denken", meinte Kammeier.
Sie saßen noch beim Essen und Kammeier begann schon mit dem Kollegen Engelhardt zu telefonieren, der Bürodienst machte.
Sag mal, was hast du alles über Franz und Eduard Tecklenborg im Zeitungsarchiv? Kannst du mal für uns recherchieren? Ich brauche wirtschaftliche Daten."
"Geht klar, melde mich", sagte Engelhardt.
Kurz darauf fluchte Kammeier, weil sein Handy erneut klingelte Er sagte laut: "Verdammte Scheiße", aber Engelhardt war wieder dran.
"Hör zu, Chef. Eduard Tecklenborg hat eine millionenschwere Baufinanzierung in den Sand gesetzt. Außerdem gilt er als Spieler. Der braucht auch dringend Geld."
Kammeier holte tief Luft und war sprachlos geworden. Sie standen auf und gingen. Simone hängte sich bei ihm ein und meinte freundlich:
"Nun, was haben wir für Geheimnisse?"
Kommissar K. meinte zu ihr: "Wir werden uns morgen mal den Eduard Tecklenborg vornehmen. Der braucht auch Geld."
Auf der Rückfahrt waren sie schweigsam, bis Kammeier fragte: "Wo soll ich dich raus lassen?"
"Ach", meinte Simone Schwarzkopf, "setze mich am Stadthaus ab."


11. Feierabend
Nachdem Kammeier Feierabend hatte, rief er seine Frau Maria an und verabredete sich mit ihr.
Weiter fragte Kammeier: "Sind die Arbeiten zur Erweiterung der Kaiserschleuse eigentlich schon angefangen?"
Maria meinte: "Ich weiß es nicht. Meine Tour vom Pflegedienst führt nicht durch den Kaiserhafen. Ich habe aber schon ein bisschen Angst um den Pingelturm und das alte Kraftwerk".
Mit Enttäuschung nahm er zur Kenntnis, dass das Wetter schlechter wurde. Der Himmel war grau geworden, Wind kam auf und es fing an zu regnen.
Bremerhaven, Gottes Pissecke, dachte er.
Aber wir ziehen das jetzt durch.
Kammeier hatte im Kofferraum noch eine Barbourjacke für Schlechtwetter liegen und einen warmen Pullover. Er legte sich wieder seine Lieblings-CD von Yussuf auf und genoss die Musik in vollen Zügen.
Bald darauf hielt Kammeier in der Nähe des Finanzamtes an, stieg aus und beobachtete zwei Jungen, wie sie Räuber und Gendarm spielten. Er wurde an seine Kindheit erinnert, als er mit seinem Cousin Jerry Cotton und Phil Decker gespielt hatte. Jerry trug damals seine Smith & Wesson im Schulterhalfter und sie beobachteten einen Verdächtigen über Wochen, der in der Keilstraße sein Speditionsbüro hatte. Der Verdächtige fuhr einen weißen Ford Thunderbird und die beiden schrieben alles genau auf. Kammeier hatte seinen Traumberuf gefunden.
Der Regen hatte nachgelassen. Kammeier blickte auf das Auswandererhaus mit seiner ungewöhnlichen Architektur, während er über die Columbusstraße ging. Im Auto hatte er Temperaturen um 7°C abgelesen. Es war noch windig und kalt. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war 17 Uhr. Dann entdeckte er seine Frau, die vor dem Seeamt stand und ihm zuwinkte. Der laute Verkehr nervte ihn. Maria lachte, als sie sich begrüßten und sagte: "Charly, du siehst gut aus. Hast du wieder den ganzen Tag mit Simone geflirtet?"
Charly lachte verlegen wie ein Junge, den man beim Stehlen erwischt hat und meinte: "Ach Quatsch."
Die Fahrt durch den Kaiserhafen führte die beiden zunächst durch die Schleusenstraße, und Maria lobte, wie schön der Neue Hafen geworden war. Sie fuhren über die holländische Klappbrücke und Kammeier blickte neugierig auf den Kaiserhafen I und den im Schwimmdock der Motorenwerke liegenden Frachter. Weiter oben am Weserdeich in der Höhe der alten Kaiserschleuse stiegen sie aus, um sich zu bewegen. Maria sagte: "Das ist eine schöne Ecke hier mit Blick auf den Containerterminal und die Schlepper. Noch schöner aber ist dieser freie Blick auf die Weser. Es gibt so ein Gefühl von endloser Weite und Freiheit."
Kammeier lotste sie zum Pingelturm, um dann zu sagen:
"Wenn Bremenports hier in den nächsten Wochen mit der Erweiterung der Kaiserschleuse beginnt, bin ich mal gespannt, ob bei den Rammarbeiten von unserem kleinen Leuchtturm etwas übrig bleibt. Angeblich wollen sie ihn ja versetzen."
Maria strich sich über ihre Haare und meinte:
"Sieh mal das Alte Kraftwerk da unten. Das kann man nicht so einfach versetzen. Ich habe Angst, dass es bei den Bauarbeiten zerstört wird."
"Und wie läuft es bei Dir auf der Arbeit?" fragte Charly seine Frau.
Maria antwortete: "Ein Kunde war bei uns und hat erzählt, dass sie im vergangenen Jahr aufgrund des Ärztestreiks im Krankenhaus zum ersten Mal seit Jahren wieder schwarze Zahlen geschrieben haben."
"Wie das?" fragte Kammeier.
"Nun, es wurde weniger operiert und sie konnten ihr Budget einhalten".
Charly blickt neugierig zum Schwimmdock der MWB hinüber und meinte ironisch: "Dann kann man ja nur sagen, Ärzte ihr solltet öfters mal streiken, damit es den Krankenhäusern besser geht."
"Weißt du Charly", sagte Maria, "ein Arzt hat seine Arztpraxis zwei Wochen vor Quartalsende geschlossen, weil er sein Budget ausgeschöpft hatte."


12. Verhör in der Hafenstraße
Am nächsten Morgen wachte Kammeier mit Kopfschmerzen auf. Er hatte das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Was war am Tatort passiert? Franz Tecklenborg war am Geesteufer tot von einer Frau gefunden worden. Der Rechtsmediziner Schulz hatte festgestellt, dass Tecklenborg durch Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf getötet wurde. Auf dem Kopf hatte man eine Platzwunde entdeckt sowie ein Schädeldachbruch mit Hämatombildungen.
Erwin Tecklenborg und Erna Schramm waren spazieren gegangen. Nach der Version von Erna Schramm war Tecklenborg von einem Mann niedergeschlagen oder ermordet worden. Aber stimmte diese Version? Vielleicht hatte sie ihn selbst dort hinunter geschubst oder ihm einen Schlag auf den Kopf gegeben? Walter Urspruch war dort auch herumgelaufen und konnte im Auftrag von Franz Tecklenborg gemordet haben. Es konnte aber auch Franz Tecklenborg selbst seinen Vater umgebracht haben. Was war mit dem Sparkassendirektor, der Streit hatte und Tecklenborg aufgefordert hatte, sein Konto aufzufüllen?
Kammeier saß mit Maria im Esszimmer beim Frühstück. Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm er eine Aspirin ein. Ob das helfen würde?
Wem nützte der Tod von Tecklenborg?
Erna Schramm konnte Hoffnungen auf ein Testament zu ihren Gunsten gehabt haben. Sie hatte sich gekümmert, aber sah das Tecklenborg auch so? Blut war dicker als...
Nach der gesetzlichen Erbfolge erbten Franz und Eduard gemeinsam. Und wenn sie die Sache gemeinsam gedeichselt hatten? Fragen über Fragen. Warum hatten sie am Tatort keine Mordwaffe gefunden? Ein Schlagwerkzeug? Sagte Frau Schramm die Wahrheit? Maria sah ihrem Mann an, dass er Probleme hatte und fragte:
"Woran denkst du?"
"Ach, ich habe Kopfschmerzen wegen diesem Toten dort an der Geeste".
"Kein Wunder", meinte Maria, "was habt ihr denn bisher am Tatort an Indizien gefunden?"
Kammeier brummte vor sich hin, als würde man ihn quälen. Schwer fällig entfuhr es ihm: "Der Rechtsmediziner Schulz hat festgestellt, dass Tecklenborg durch Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf getötet wurde. Auf dem Kopf hat man eine Platzwunde entdeckt sowie einen Schädeldachbruch mit Hämatombildungen. Na ja, die KTA hat Spuren einer Wollmütze gefunden. Was ist eigentlich mit Fußspuren auf dem Rasen oder an der Uferkante? Warum wurde Erna Schramm am Morgen nach dem Mord noch mal dort am Ufer gesehen?"
"Den Mörder treibt es immer wieder an den Ort des Verbrechens zurück," kommentierte Maria lakonisch.
Kurz darauf verließ der Kommissar die Wohnung und fuhr ins Büro. Simone und er verständigten sich und fuhren dann in die Hafenstraße, um Herrn Dr. Tecklenborg einen Besuch abzustatten. Sein Büro hatte bestätigt, dass er ab 8.30 Uhr in der Kanzlei zu erreichen sei und Zeit für die Kripo habe.
In der Nähe der Langen Straße stiegen die beiden Kriminalen aus dem Auto aus. In dem Geschäftshaus fuhren sie mit dem Fahrstuhl in den 3. Stock und waren über die Sicherheitsvorkehrungen am Eingang überrascht. Eine kleine, korpulente Frau mit braunen Augen und einem freundlich verschmitzten Gesicht öffnete die Tür und ließ sie herein. Kurz darauf saßen Schwarzkopf und Kammeier in einem Holz getäfelten Konferenzzimmer mit Blick auf den Kaiserhafen und den Containerterminal. Die Sonne schien hell und es war Frühling. Kurz nach halb neun betrat der Rechtsanwalt den Raum begrüßte mit einem charmanten Lächeln zuerst Frau Schwarzkopf und dann Kommissar Kammeier.
"Was führt Sie zu mir?" fragte Dr. Tecklenborg und lächelte dabei Simone freundlich an.
"Wir haben Fragen an Sie wegen des Todes Ihres Vaters", leitete Kammeier das Gespräch ein.
"Ja, bin ziemlich erschrocken und traurig darüber. Ich mochte meinen Vater und er war mir wichtig", sagte Tecklenborg und man spürte seine Trauer.
"Wo waren Sie am 13. März zwischen 20 und 21 Uhr?" fragte Frau Schwarzkopf ernst.
"Die Frage habe ich ehrlich gesagt erwartet. Ich war mit meiner Frau zu Hause und wir haben Fernsehen geschaut."
Es trat eine längere Pause ein und nach einer Weile sagte Kammeier: "Wir haben erfahren, dass es Ihnen und Ihren Firmen zur Zeit nicht gut geht und Sie Pech bei Geschäften hatten. Man könnte sagen: Sie profitieren vom Tod ihres Vater. Präziser gesagt: Sie können das Geld Ihres Vaters dringend gebrauchen."
Es entstand wieder eine längere unangenehme Pause bis Tecklenborg sagte:
"Das ist richtig. Ich habe sozusagen ein Motiv."
Charly Kammeier und Simone Schwarzkopf wechselten einen Blick. Da sie nichts gegen den Anwalt in der Hand hatten, verabschiedeten sie sich höflich und gingen.


13. Doch Mord
Als sie das Geschäftshaus verließen, empfing sie gleißende Frühlingssonne. Kammeiers Handy klingelte. Dr. Schulz war dran.
"Guten Morgen, Herr Kammeier. Ich habe Neuigkeiten für Sie. Der Tote von der Geeste wurde mit einiger Wahrscheinlichkeit mit einem Baseballschläger getötet. Todeszeitpunkt Dienstag Abend zwischen 20 und 21 Uhr. Vielleicht lassen Sie die Umgebung des Tatortes noch mal nach der Tatwaffe absuchen."
Charly Kammeier lachte: "Herr Schulz, sie sind ein Schatz und danke für den Tipp."
Simone Schwarzkopf sprach leise vor sich hin und sagte: "Entweder finden wir den Baseballschläger an der Geeste oder bei Erna Schramm, die ihn am nächsten Morgen dort weg geholt hat."
Kammeier musste telefonieren. Er beauftragte Kollegen der Mordkommission, die Uferböschung an der Geeste und die Umgebung des Rickmersgelände nochmal genauer abzusuchen, vor allem aber nach einem Baseballschläger oder einem anderen harten Gegenstand Ausschau zu halten. Seinen Kollegen Klaus Engelhardt beauftragte er, alle Verdächtigen mit der Datenbank des Polizeicomputer abzugleichen. Kammeier und Schwarzkopf fuhren zur Sparkasse Lehe und verlangten den Filialleiter zu sprechen. Sie wurden in ein Eckbüro geleitet und von einem jungen dynamischen Mann begrüßt.
"Was kann ich für Sie tun?"
Kammeier eröffnete das Gespräch: "Vor zwei Tagen ist Ihr Kunde Erwin Tecklenborg ermordet in der Geeste gefunden worden. Wir haben gehört, dass Sie kurz vorher noch einen Streit mit ihm hatten."
Herr Lunge wirkte leicht nervös, als er antwortete: "Ich habe von seinem Tod gehört. Herr Tecklenborg war ein liebenswürdiger Mensch. Einen Tag vor seinem Tod wollte er plötzlich über 100.000 € verfügen, was so kurzfristig wegen der Kündigungsfristen und der Generalvollmacht von Frau Handschug nicht möglich war. Das Gespräch fand eigentlich bei der Sachbearbeiterin, Frau Rixendorff statt, aber ich musste mich irgendwann einschalten, weil Herr Tecklenborg laut wurde und mit der Kündigung aller Konten drohte."
Simone Schwarzkopf bewegte sich leise in ihrem Sessel und meinte dann:
"Was hat Herr Tecklenborg denn gesagt, warum er die 100.000 € so kurzfristig brauchte?"
Eine Pause trat ein. Kommissar Kammeier sah aus dem Fenster und fand das Büro des Geschäftsstellenleiters langweilig.
Lunge antwortete: "Er wollte das Geld für einen seiner Söhne."
Kammeier hakte sofort nach: "Für welchen seiner Söhne?"
Lunge räkelte sich nervös in seinem Stuhl. "Na, das war doch klar. Für Franz Tecklenborg, der war doch bei dem Gespräch dabei."
Die beiden Kommissare dankten für das Gespräch und gingen. An der Tür drehte sich Kammeier um und fragte: "Wie hoch war das Vermögen von Erich Tecklenborg?"
Lunge steckte sich eine Zigarette an und meinte: "Das fällt unter das Bankgeheimnis. Es handelt sich um eine siebenstellige Summe."
"Angesichts seines Vermögen hätte er doch sein Girokonto überziehen können, oder?" fragte Kammeier.
"Aber nicht ohne Frau Handschug, seine Generalbevollmächtigte" sagte Lunge.


14. Der zweite Tote
Den Rest des Morgens verbrachten die beiden Kommissare in ihrem Büro. Kurz vor zwölf Uhr ging das Telefon. Ein Kollege von der Mordkommission rief von der Geeste aus an und berichtete:
"Wir haben die vermutliche Tatwaffe, einen Baseballschläger im Schlick gefunden. Der sah einem Holzpfahl zum Verwechseln ähnlich, wie er da im Schlick steckte. Wir lassen den Schläger nach Fingerabdrücken und DNA-Spuren untersuchen."
"Gut gemacht", meinte Kammeier erleichtert und wollte schon auflegen.
"Halt!" schrie der Kollege, "da ist noch etwas. Weiter oben Richtung Goetheschule haben wir noch eine Leiche gefunden."
"Und wer ist es?" fragte Kammeier neugierig und sah Simone Schwarzkopf aufmerksam an.
"Es ist ein junger Mann namens Urspruch, 32 Jahre alt, riecht nach Fisch, hat eine schwarze Bomberjacke und Jeans an, und trägt eine blaue Wollmütze auf dem Kopf. Wir haben einen Ausweis in seiner Jacke gefunden", berichtete der Kollege am anderen Ende. Dann fuhr er fort:
Das merkwürdige ist, der Mörder hat die Tatwaffe nur wenige Meter entfernt auf einem Grundstück vergraben. Der Hund eines Kollegen fing dort neugierig an zu graben, wohl weil es nach Fisch roch. So haben wir auch die vermutliche Tatwaffe.“
"Walter Urspruch", entfuhr es Kammeier, "ist tot."
Simone Schwarzkopf machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen und stöhnte: „Darauf brauche ich erstmal einen Kaffee.“
Spekulierend fuhr sie fort: „"Und wenn nun Franz Tecklenborg Walter Urspruch beauftragt hat, seinen Vater umzubringen? Urspruch hätte dann am besagten Abend Tecklenborg mit einem Baseballschläger ermordet. Nachdem es mit den 100.000 € am Vortag bei der Sparkasse nicht geklappt hatte, musste er handeln."
Kammeier legte seine Beine auf den Schreibtisch und konterte: "Das kann ich mir bei dem sympathischen Fischhändler überhaupt nicht vorstellen. Ich kann jetzt auch einen Kaffee gebrauchen. Aber wer hat Urspruch ermordet? Hat Urspruch versucht Franz Tecklenborg zu erpressen?"
Schwarzkopf vermutete: „Ich tippe auf diesen arroganten und eingebildeten Anwalt.“
Man hörte nur noch das Geräusch der Kaffeemaschine, die vor sich hin brummelte.
Von draußen schien die Sonne auf den Schreibtisch von Kammeier und machte deutlich, dass die Putzfrau seinen Schreibtisch nicht ordentlich geputzt hatte.
Es war Freitag, der 16. März und nachmittags bekamen sie die ersten Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung auf den Tisch. Es stellte sich heraus, dass an der Tatwaffe Fingerabdrücke von Walter Urspruch gefunden wurden und Urspruch somit als Täter in Frage kam. Der Kommissar rief den Rechtsmediziner an und fragte nach dem Stand der Untersuchungen.
"Woran ist Urspruch verstorben?" fragte Kammeier Dr. Schulz am Telefon.
"Sagen wir es mal so: Walter Urspruch wurde nicht am Tatort, also an der Geeste umgebracht. Er wurde dorthin gebracht. Wir haben Schleifspuren gefunden. Urspruch wurde mit einem Messer erstochen. Ich habe Stichverletzungen im Brustbereich und Hämatome gefunden. An den Händen des Opfers finden sich Abwehrverletzungen. Das Opfer hat sich offenkundig gewehrt. Der Tote hat mindestens zwei Liter Blut verloren und ist einen Verblutungstod gestorben. Die Spurensicherung hat am Messer Fingerabdrücke gefunden.
Urspruch könnte in einer Fischhalle ermordet und dann mit dem Auto zur Geeste gefahren worden sein."
"Wann starb Urspruch?" wollte Kammeier wissen. Es entstand eine kleine Pause und danach hörte man wieder Dr. Schulz Stimme: "Ich würde sagen, es war gestern Nachmittag zwischen 16 und 18 Uhr."
Kammeier strich sich über seinen Kopf und sah seine Kollegin an.
"Urspruch wurde am Donnerstag Nachmittag, den 16. März zwischen 16 Uhr und 18 Uhr mit einem Fischmesser ermordet. Vielleicht in einer Fischhalle?"
Die schöne Simone sah etwas mitgenommen aus, ihr Gesicht wirkte leicht grau. Dann entfuhr es ihr: "Franz Tecklenborg? Wir müssen ihn aufsuchen und ihm seine Fingerabdrücke abnehmen. Wo war er zum Tatzeitpunkt? Wurde er von Urspruch erpresst?"
Nach einer Weile sagte Simone Schwarzkopf: "Ich sehe Flimmern vor den Augen, ich bekomme einen Migräneanfall."
Kommissar Kammeier sah sie mitfühlend an und sagte: "Simone fahr nach Hause, solange es noch geht. Ich komm hier auch mit Klaus Engelhardt am Wochenende alleine zurecht."
Simone Schwarzkopf sah ihn traurig an und ging. Charly Kammeier saß noch eine Weile untätig auf seinem Stuhl und spürte eine gewisse Aufregung und dachte: schade, das schöne Wochenende ist hin. Er sah aus dem Fenster auf die Stadthäuser, überall strömten die Bediensteten des Magistrats zu ihren Autos auf dem Parkplatz, um ins Wochenende zu fahren.
Und wenn nun die beiden Tecklenborgs gemeinsam den Mord am Vater in Auftrag gegeben haben, fragte er sich.
So spät würden sie Franz Tecklenborg nicht mehr in seiner Firma im Fischereihafen antreffen, sie würden ihn zu Hause in der Hohenstauffenstraße auf- suchen.


15. Bei Franz Tecklenborg
Zunächst aber war es Freitag Nachmittag und Kommissar Kammeier saß in seinem Büro, holte seine neue Fliegeruhr aus der Tasche und legte sie an. Er hatte eine Fantasie und sah, wie am Dienstag Abend den 13. März an der Geeste ein junger vermummter Mann mit einem Baseballschläger auf den alten Erwin einschlug. Einmal, zweimal. Er sah wie Erna Schramm flüchtete. Sie beobachtete von einem Gebüsch aus den Sohn Franz, der seinen Mitarbeiter Urspruch anschrie: "Mach schneller, wirf ihn runter."
Kammeier schüttelte mit dem Kopf. Was sollte der Quatsch. Er hatte hier nicht zu phantasieren, sondern Franz Tecklenborg zu verhören.
Kammeier zog seine Schreibtischschublade auf und suchte nach Zigaretten, als ihm noch rechtzeitig einfiel, dass diese Zeit vorbei war.
Kurz darauf fuhr Charly Kammeier zusammen mit Klaus Engelhardt im 7er-BMW Richtung Hohenstauffenstraße. Vor einer älteren Villa, die früher einem Reeder gehört hatte, hielten sie an. Engelhardt sagte: "Hoffentlich ist Tecklenborg zu Haus."
Kammeier meinte, seiner Fantasie folgend: "Ich bin mir sicher, dass er zu Hause ist und auf uns wartet."
Auf Kammeiers Klingeln wurde die Haustür geöffnet und der nette Franz Tecklenborg bat sie freundlich herein. Im großen, geräumigen Wohnzimmer setzten sich die drei Herren. Kammeier fragte: "Wie geht es Ihnen?"
"Ganz gut, ich freue mich aufs Wochenende."
Kommissar Kammeier entspannte sich im Sessel und sagte dann eher leise und langsam:
"Herr Tecklenborg, Sie haben für den Mord an Ihrem Vater kein Alibi. Im Gegenteil, Sie wurden von Walter Urspruch dort in der Nähe gesehen. Weiterhin haben wir heute eine zweite Leiche an der Geeste in der Nähe der Goetheschule gefunden. Es handelt sich um Ihren Mitarbeiter Walter Urspruch, von dem wir inzwischen wissen, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Baseballschläger Ihren Vater ermordet hat. Ich vermute, dass Sie Ihrem Mitarbeiter den Auftrag dazu erteilt haben. Sie brauchten dringend Geld. Sie hatten einen Tag vor dem Tod Ihres Vaters versucht bei der Bank 100.000 € flüssig zu machen, aber ohne Erfolg. Also mussten Sie sich einen anderen Weg überlegen."
An der gegenüberliegenden Wand beobachtete Kammeier gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos von Seitenfängern einer Bremerhavener Hochseefischerei-Reederei. ranz Tecklenborg saß in seinem Sessel und schwieg.
"Es stimmt, dass es meiner Firma schlecht geht und wir zur Zeit am überlegen sind, ob wir Insolvenz anmelden müssen. Es stimmt auch, dass ich meinen Vater um 100.000 € aus meinem Erbe gebeten habe, aber die Sparkasse konnte dem so kurzfristig nicht nachkommen. Und es stimmt auch, dass ich vom Tod meines Vaters finanziell als einer der beiden Erben profitieren werde. Aber ich habe meinen Vater nicht umgebracht."
Es entstand eine Stille.
Nach einer Weile meinte Engelhardt etwas ironisch:
"Nein, sie haben ihren Vater nicht umgebracht. Aber Sie haben den Mord in Auftrag gegeben und als Walter Urspruch anfing, Sie zu erpressen, weil ihm das Geld nicht reichte, haben Sie ihn mit einem Filetiermesser umgebracht und an der Geeste abgelegt."
Tecklenborg zog an seiner Zigarette und schwieg. Dann blickte aus dem Fenster und sah danach die beiden Polizisten lange an. Kammeier fixierte mit seinem Blick Tecklenborg. Nach einer Minute peinlichen Schweigens meinte Tecklenborg: "Mehr kann ich dazu nicht sagen."
"Gut", sagte der Kommissar, "dann müssen wir Sie jetzt mit ins Präsidium nehmen. Wir brauchen Ihre Fingerabdrücke und möglicherweise haben wir noch weitere Fragen."
Von irgend woher hörte man das Rattern eines Güterzuges. Dann sagte Tecklenborg leise, so dass man es fast gar nicht hören konnte: "Mein Bruder Eduard Tecklenborg braucht auch dringend Geld. Außerdem hatte er mit Walter Urspruch ein Verhältnis. Mein Bruder ist schwul. Walter Urspruch hättefür meinen Bruder alles getan. Wirklich alles."
"Das ist ja hoch interessant", meinte Engelhardt und lachte leise.
"Ach", meinte Kammeier etwas gelangweilt: "Die letzte Frage wie immer zum Schluss. Wo waren Sie am Donnerstag, den 15. März zwischen 16 Uhr und 18 Uhr?"
"In meiner Firma", meinte Tecklenborg nachdenklich, "meine Buchhalterin kann das bestätigen."
Alles Kammeier oder was? dachte Engelhardt. Wer hatte den alten Tecklenborg an der Geeste mit einem Baseballschläger ermordet? Sie würden Franz Tecklenborg mitnehmen und ihm die Fingerabdrücke abnehmen, und dann würde man sehen. Aber was, wenn er es nicht war? Gut, dann kam der Bruder in Frage. Und wenn keiner der beiden Brüder seine Finger im Spiel hatte? Dann blieb immer noch Erna Schramm, oder? Die Alte hatte das beste Motiv überhaupt. Jahrelang hatte sie ihn aufopfernd betreut und gepflegt und nun sollte sie leer ausgehen?
Sie nahmen Franz Tecklenborg in Kammeiers Auto mit ins Präsidium. Unterwegs fing es an zu regnen, Kammeier hatte Phil Collins "Against all odds" aufgelegt.
In der Zwischenzeit war es Abend geworden, es wurde dunkel. Kammeiers Armbanduhr zeigte 19.30 Uhr an. In der Technik wurden Tecklenborg die Fingerabdrücke abgenommen, dann durfte er wieder gehen
Die Bürotür öffnete sich und Franz Tecklenborg sah Kammeier kurz an und sagte sehr ernst:
"Ich habe weder meinen Vater noch Walter Urspruch umgebracht."
Der Kommissar packte seine Sachen und ging ins Wochenende.


16. Blauer Montag
Kammeier hatte ein schönes Wochenende mit seiner Frau verlebt, aber es war wieder Montag morgen und er hockte am Schreibtisch und sinnierte. Ihm gegenüber saß seine junge Kollegin Simone und trank schwarzen Kaffee. Es war kurz nach 9 Uhr, als bei Kommissarin Schwarzkopf das Telefon klingelte. Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte sie:
"Das war Frau Handschug. Sie wollte uns den Inhalt des Testaments mitteilen. Das Erbe teilen sich die Söhne mit Frau Schramm. Frau Handschug bekommt auch dreihundert tausend Euro ab."
Wusste Frau Schramm, dass sie erbt und wie viel?" wollte der Kommissar wissen.
Engelhardt betrat den Raum und meinte: "Die Fingerabdrücke von Franz Tecklenborg stimmen mit den Fingerabdrücken auf dem Fischmesser überein."
Es war ein ruhiger Montag morgen. Zu ruhig, dachte Kammeier. Was mochte noch kommen? Er sah aus dem Fenster und beobachtete, wie der Oberbürgermeister über den Parkplatz ging. Der begrüßte eine gut aussehende Frau, die er als Frau Handschug erkannte.
Kurz darauf ging die Bürotür auf und Frau Handschug trat ein. Sie sah ernst und Schuld bewusst aus, grüßte freundlich und bat um einen starken Kaffee.
Stille trat ein.
"Ich muss Ihnen etwas erzählen, das ich Ihnen schon beim ersten Besuch hätte erzählen sollen. Ich bitte dafür um Entschuldigung. Das war einfach falsche Rücksicht gegen den Toten."
Der Kommissar lehnte sich gespannt in seinem Sessel zurück und beobachtete Frau Handschug. Kammeier überlegte: Hatte er im Kaiserhafen krumme Geschäfte mit geklauten Mercedes gemacht? Oder hatte er in Containern Drogen geschmuggelt? Oder hatte es etwas mit seinem Beruf als Lotsen zu tun gehabt? Was wusste Handschug Geheimnisvolles über Tecklenborg, das zu seinem brutalen Tod geführt hatte?
Handschug wusste über Tecklenborg einiges zu berichten. Sie sagte:
"Erich Tecklenborg führte ein Doppelleben. Er führte ein bürgerliches Leben als Lotse, als vermögender Vater und Freund. Aber daneben war er seit Jahren Mitglied in einer geheimen Loge. Er hat mit mir darüber kaum gesprochen. Ich weiß von diesen Zusammenkünften älterer reicher Herren aus anderer Quelle. Vordergründig trafen sich die älteren Herren in einem sog. "Blue Club", um Sex mit attraktiven Frauen zu haben, die dort im Club nackt auftraten. Aber der wirklich tiefere Sinn war etwas Anderes. Es ging um Geschäfte. Die Loge hatte über Verbindungen nach Paraquay und Bolivien einen regen Drogenhandel über den Containerterminal Bremerhaven aufgezogen. Es wurden riesige Gewinne abgeschöpft. Informanten haben mir erzählt, das dieser Club auch Kontakte in die rechte Szene hatte, von dort stammten dann auch die Body Gards."
Kammeier holte tief Luft.
Dann sagte er: "Das scheint mir doch alles etwas weit her geholt. Dafür gibt es doch gar keine Beweise. Das sind doch alles nur Spekulationen und Verdächtigungen. Haben Sie irgendwelche Beweise dafür, dass Tecklenborg in Drogengeschäfte verwickelt war?"
Frau Handschug schaute auf ihre Hände, dann sagte sie: "Ich weiß das alles nur aus zweiter Hand, und meine Informanten kann ich nicht preisgeben. Tut mir Leid."
Listig fragte Schwarzkopf: "Haben Sie denn einen konkreten Verdacht, wer diesen Walter Urspruch beauftragt haben könnte, am 13. März Erich Tecklenborg umzubringen?"
Heddy Handschug schlug ihre langen Beine übereinander und sah Kammeier an. "Wenn sie mich so fragen, würde ich sagen, seine gehässige Freundin, diese ordinäre Erna Schramm hatte es immer schon auf sein Geld abgesehen. Wie die manchmal über ihn geredet hat. Ich bin mir ganz sicher, dass Erna den alten Tecklenborg ermordet hat."
Kammeier und Schwarzkopf wechselten einen Blick. Sich erinnernd meinte Kammeier: „Ach ja, wo Sie schon mal da sind. Haben Sie eine Kopie des Testament dabei?"
Heddy Handschug suchte in ihrer ledernen Handtasche und legte dem Kommissar einen hellbraunen Umschlag auf den Tisch. Kammeier las das Testament und meinte dann zu Frau Schwarzkopf: „Ja, die Angaben stimmen."
Nachdem Heddy Handschug das Büro der beiden Kommissare verlassen hatte, meinte Charly Kammeier zu seiner Kollegin:
"Ich habe den Verdacht, dass Franz Tecklenborg unser Mörder ist. Seine Fingerabdrücke sind auf dem Fischmesser. Er hat täglich mit Fischmessern zu tun. Er profitiert vom Tod seines Vaters. Einen Tag vorher war er noch bei der Bank mit seinem Vater, weil er Geld brauchte.“
Nach einer Weile meinte Schwarzkopf:
"Ich gehe davon aus, dass Walter Urspruch Erwin Tecklenborg mit einem Baseballschläger ermordet hat, ob aus Habgier oder im Auftrag von jemand anderem wissen wir nicht. Wir können nur vermuten. Ich finde die Freundin hat auch ein starkes Motiv. Warum war sie am Morgen nach dem Mord noch mal an der Geeste? Was suchte sie dort? Wollte sie die Mordwaffe sicherstellen? Sie ist Miterbin. Und sie hatte hässliche Gefühle gegen Tecklenborg."
Charly Kammeier als 1. Kommissar sagte zu Schwarzkopf: "Ich meine, wir sollten noch mal zu Franz Tecklenborg fahren und mit ihm reden."
Der Morgen war fast vergangen, es regnete wie so oft in Bremerhaven. In einer überregionalen Zeitung war wieder einmal ein Artikel über Bremerhaven, das Armenhaus der Republik, erschienen. Unterwegs hielten die beiden an, um sich in einem Bistro eine kleine Fischmahlzeit zu gönnen und tauchten dann gegen Mittag überraschend in Packhalle X auf.
Sein Instinkt sagte Kammeier, dass er langsam gehen sollte. Er machte Schwarzkopf ein Zeichen. So standen sie dicht neben dem Geschäft von Tecklenborg. Die Tür stand offen und sie konnten eine laut geführte Unterhaltung verfolgen.
Kammeier guckte um die Ecke und ging noch etwas näher an das Büro von Tecklenborg heran. Offensichtlich unterhielten sich Franz Tecklenborg und Erna Schramm.
Kammeier und Schwarzkopf standen jetzt unmittelbar neben der offenen Bürotür, es roch unangenehm nach Fischmehl. Der Kommissar hörte, wie Erna Schramm sagte:
"Ich verstehe nicht, warum du das alles gemacht hast. Du hast uns die Polizei auf den Hals gehetzt mit deinen Aktionen. Über kurz oder lang kommt die Polizei dahinter, dass du die beiden auf dem Gewissen hast. Und dann? Dann stecken sie dich ins Gefängnis. Franz, ich liebe dich. Hast du denn nicht an uns gedacht? Ich habe dir immer gesagt, ich teile mit dir, wenn ich erbe."
Franz Tecklenborg hatte auf einmal eine ganz andere Stimme, als er sagte:
Ich weiß, ich war ungeduldig, aber das Wasser steht mir bis zum Hals. Ich musste handeln. Von den Millionen kann ich nicht nur meine Schulden bezahlen, sondern auch das Geschäft sanieren. Und dann gehen wir beide für eine Weile weg und machen es uns schön. Erna ich liebe dich, du bist alles für mich."
Nach einem Augenblick der Stille sagte Erna Schramm:
"Franz, ich habe Angst. dass du Walter Urspruch auf deinen Vater gehetzt hast. Dass er ihn vor meinen Augen erschlug, war für mich schon sehr unangenehm. Aber dass du Walter auch noch aus dem Weg geräumt hast, macht mir Angst. Ich verstehe deine Not, aber so geht das nicht.“
Franz Tecklenborg erregte sich und antwortete:
"Du kannst mir glauben, es ist mir sehr schwer gefallen, meinen eigenen Vater umbringen zu lassen. Aber ich war völlig verzweifelt, nachdem er mir nicht wirklich helfen wollte. Er hätte nur bei der Bank bei den Verhandlungen sagen müssen, dass er seine Bundesschatzbriefe verkauft, aber nein, seine Zinsen waren ihm wichtiger. Und dann Walter Urspruch. Ich habe ihn als Vorbestraften aus dem Dreck geholt. Er war mir noch etwas schuldig. 20.000 € waren vereinbart und dann fängt der plötzlich an und will sofort weitere 30.000 €, sonst geht er zur Polizei. Der wusste doch, dass ich finanziell am Ende bin. Da blieb mir nur noch die eine Möglichkeit, ihn aus dem Wege zu räumen."
Kammeier machte seiner Kollegin ein Zeichen, sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Erna Schramm erzählte weiter:
"Ich finde, wir warten jetzt ab, bis wir unser Geld haben und dann setzen wir uns ab. Sonst kommt die Kripo doch noch auf deine Spur."
Charly Kammeier und Simone Schwarzkopf betraten das Büro von Tecklenborg. Es war wie in einem Albtraum, als Tecklenborg die Stimme des Kommissars wie aus einer anderen Welt hörte:
"Franz Tecklenborg, ich verhafte Sie …"
Als die beiden Kommissare mit Tecklenborg die Halle X verließen, warf Kammeier einen Blick auf den Fischereihafen. Der lag ruhig da ohne jede Wellenbewegung wie immer. An der Kaje stand eine ältere Frau um die achtzig mit einem Haarnetz auf dem Kopf und sah ihnen traurig nach.


St. Peter -Ording 12. August 2009

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